Kopftheater Bayreuth : "Parsifal" in der Wiedervorlage

Bei der Premiere 2008 war Herheims „Parsifal“ gefeiert worden. Im zweiten Jahr wird deutlicher, dass vor allem Heike Scheeles Bühnenbild für Zusammenhalt sorgt, in den grandiosen, den sechseinhalbstündigen Abend bündelnden Verwandlungsmomenten und auch dank der Spiegelscheiben, die Wagners mythischen Abgrund bis in den Zuschauersaal weiten.

Christiane Peitz

Ein unmöglicher Typ, dieser Parsifal. Erst ein blondes Riesenbaby im Matrosenanzug, ein bockiger Knabe, der immer nur spielen will und der Mutter wegläuft, später ein Kitsch-Jesus mit Zottelhaar und Welterlösungs-Fantasytricks. Brüno meets Harry Potter meets Dan Brown: Selbst der clevere Stefan Herheim, der den reinen Tor durch die Geschichte der Nation und des Wagner-Clans schickt, vom Wilhelminismus über die NS-Zeit im Garten der Villa Wahnfried bis in den Bundestag, selbst Herheim weiß am Ende nicht recht, was wir im Jahr 2009 mit so einem sollen.

„Hier gilt’s der Kunst?“ Hier gilt’s der Kolportage. Bei der Premiere 2008 war Herheims „Parsifal“ gefeiert worden, als Zeitreise ins kollektive Unbewusste der Deutschen und als Neuinterpretation aus dem Geist der Selbstkritik pünktlich zum Generationswechsel in der Festspielleitung. Im zweiten Jahr wird deutlicher, dass vor allem Heike Scheeles Bühnenbild für Zusammenhalt sorgt, in den grandiosen, den sechseinhalbstündigen Abend bündelnden Verwandlungsmomenten und auch dank der Spiegelscheiben, die Wagners mythischen Abgrund bis in den Zuschauersaal weiten. Der Rest bleibt Versatzstückwerk, Ideen- Konvolut, Kopftheater. Dem ständigen Schreiten und Raunen der sich einen Heiligenschein applizierenden Musik, dem Wesenskern des „Parsifal“ als Feier für Kunstreligiöse kommt Herheim nicht bei.

Alles klug und richtig hier, auch die neu hinzugefügten Flüchtlinge (oder Juden?) im zweiten Akt, die nach Kundrys Geständnis-Schrei „Ich sah Ihn – und lachte“ von NS-Soldaten abgeführt werden. Wo das Mitleid mit dem Gekreuzigten fehlt, ist der Holocaust nicht weit. Das geht verdammt schnell, trotz überdehnter Generalpause. Mit Ausnahme der ebenfalls rasch wieder abgeräumten Hakenkreuzfahnen dominiert die Ästhetik des Demonstrativen, des Doppler-Effekts. Seht her, sagt jede Szene, jeder Ton. Daniele Gatti am Pult betont das Zeigefingrige der Musik einmal mehr, wenn er wie im Vorjahr extrem verlangsamt und das motivische Gewebe zerfasert.

Wobei die Sänger mit den lungenstrapazierenden Tempi diesmal gut zurechtkommen, der charakterstarke Kwangchul Youn als Gurnemanz ebenso wie der mephistophelische Thomas Jesatko (Klingsor), der etwas blecherne Christopher Ventris (Parsifal) und die menschenfreundliche Kundry von Mihoko Fujimura. Dagegen leiden nun die Orchesterpassagen, auch unter den akustischen Tücken des Saals. Das suggestive Vorspiel: verwischte Konturen, unsaubere Intonation. Was bleibt, ist die Zartheit der Bläser- und Cello-Soli. Zeige deine Wunde? Bayreuth, das sich ehrlich macht, bis zum letzten nackten Ton? Bei der Fahrt hoch zum Grünen Hügel wird per Taxifunk ein schwarzes Mädchen als Fahrgast annonciert. Schwarzhaarig oder Negerin?, scheppert die Nachfrage eines Fahrers aus dem Lautsprecher. Negerin? Auch das ist Bayreuth 2009.

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