Bühne :  KURZ  &  KRITISCH 

KLASSIK

Sieg der Schönheit: Die Akademie für Alte Musik im Konzerthaus



Mit einem quietschbunten Potpourri-Programm zum Thema „Aufstieg und Fall“ öffnet die Akademie für Alte Musik das „Zeitfenster“, die fünfte „Biennale Alter Musik“. Zu Keisers oder Telemanns Zeiten wusste man zwar, wie rasch Opernhäuser Richtung Bankrott rutschen können, von den Pleiten unserer Zeit ahnte man nichts. Für Auf-und-Ab-Geschichten musste die Antike herhalten, Figuren wie Croesus oder Nebucadnezar. Als Höhepunkt des gut gelaunten, vom Elan des Dirigenten Christopher Moulds getragenen Abends im Konzerthaus erklingen entsprechend Szenen aus Telemanns Oper „Sieg der Schönheit“ über Gensericus, den „König der afrikanischen Wenden“. Begonnen hatte das Programm mit einem Marsch von Bach, zu Ende ging es mit einem von Telemann, klopfende, klingelnde, hämmernde Erinnerungen an das Leben jenseits großen Heldentums.

Der Akademie zur Seite steht das erlesen timbrierte achtköpfige Vocalconsort Berlin, vor allem aber Dietrich Henschel, der mit zupackenden Duktus diverse Bass-Rollen übernimmt. Neben ihm glänzt mit selten schönem Sopran Roberta Invernizzi. Als glamourös falsettierender Jungspund tritt Tim Mead auf – in der Rolle des Honoricus, des Sohnes von Gensericus, der Angst vor der Liebe hat. Wenn dieser Abend dramaturgisch auch nicht ganz glatt funktioniert: Unterhaltsam, schlechterdings neu ist diese Alte Musik auf jeden Fall. (Das „Zeitfenster“-Festival läuft noch bis zum 18. April, Infos: www.zeitfenster.net) Christiane Tewinkel


Im Spiegel: Das Mandelring Quartett im Kammermusiksaal

„Ach, Kamila, ich kann mich nicht beruhigen. Aber ich brauche das Feuer, das du in mir entfachst.“ Janáceks unerfüllte Liebe zu der 38 Jahre jüngeren Kamila Stösslová war das kreative Schwungrad seines Spätwerks. Im Streichquartett „Intime Briefe“ ersinnt der Komponist eine ununterbrochene Umarmung mit der Ersehnten. Eine von Fiktion durchdrungene Liebesbiografie – bald Blick in einen erblindenden Spiegel, bald fiebrige Verschmelzungsvision. Das Mandelring Quartett spielt Janáceks „Intime Briefe“ in der wiederentdeckten Originalversion, mit einer Viola d’amore anstelle der Bratsche. Sie hat nicht nur einen zarten Namen. Das Barockinstrument lichtet den kompakten Quartettklang, taucht in den Wogen auf und unter, bleibt fern und geheimnisvoll. Das Mandelring Quartett ist durch seine fulminanten Schostakowitsch-Einspielungen gestählt im kritischen Umgang mit biografischen Klangmaterial. Mit leidenschaftlicher Distanz verweigern sich die Musiker einem geschlossenen Bild. Sie sammeln Fragmente einer Sprache der Liebe, die zu dechiffrieren letztlich unmöglich bleibt. Wie die geborstene Melodik in Mendelssohn Bartholdys letztem Streichquartett: ernüchterte Bilanz eines Komponistenlebens oder Schmerz über den Verlust der geliebten Schwester? Das Mandelring Quartett rudert mit verschworenen Schlägen über ein dunkles Meer (nächstes Berlin-Konzert am 13. 5.). Ulrich Amling

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