Lear : Der närrische Tod

Hans Neuenfels und Carl St. Clair machen sich an der Komischen Oper für Reimanns „Lear“ stark. Der Regisseur muss eh nichts mehr beweisen.

Volker Hagedorn

Erstochen, vergiftet, erwürgt, gefoltert, geblendet, verstoßen, an Entsetzen gestorben. Viel Leben bleibt nicht übrig am Ende vom „Lear“. Aber mehr Leben blieb selten als am Ende dieses Abends in der Komischen Oper, als auch der Tod sein Haupt neigen musste, selbst nur noch eine Gestalt in zeitlos sanfter Statik eines 48-stimmigen Streichergeflechts, in dem Harfenpunkte funkeln wie kalte Sterne. „Hätte es nicht länger ertragen können“, schrieb der Komponist, als er fertig war.

Das war vor 31 Jahren. Aribert Reimann, ein 41-jähriger Berliner, hatte mit „Lear“ eine Oper vollendet, die seither nicht mehr von den Bühnen verschwunden ist. Die Abstände zwischen den Inszenierungen werden stetig kleiner. Den Orchestern bricht bei Vierteltonintervallen nicht mehr der Schweiß aus. Und die Regisseure können sich „Lear“ nähern wie jeder großen Oper, ohne dabei schon unter dem Druck eines dicken Deutungskatalogs zu stehen.

Hans Neuenfels muss eh nichts mehr beweisen. Der Regisseur hat Bahnen gebrochen und Abstürze überstanden; an den „Lear“ geht der 68-Jährige gelassen und konzentriert heran. Familienaufstellung, alle sind schon da auf klarer Bühne. Der alte König, der sein Reich unter drei Töchtern teilen will je nachdem, wie sehr sie ihn lieben. Die Töchter. Und die Männer, mit denen sie zu tun haben oder zu tun haben werden. Lear, den Tómas Tómasson prägnant und unprätentiös singt, ist fast ein Jedermann, ein starker zwar, jeder Zoll ein König, aber keiner, in dem schon der Irrsinn flackert. Er birgt das Unheil nicht schon in sich, er gerät hinein, verletzt, weil seine Lieblingstochter ihre Liebe nicht bekennen kann.

Der innigen Cordelia (Caroline Melzer) stehen als machtgeile Schwestern zwei Extreme gegenüber: Goneril im Hosenanzug mit früher Merkelfrisur, Regan als aufgeplusterte Dame im pinkfarbenen Blümchenrock. Wie Karikaturen wirken sie, ohne dass Kostümbildnerin Elina Schnizler sie dabei lächerlich macht. Man unterschätzt sie leicht und spürt doch, wie gefährlich sie sind – Irmgard Vilsmaier und Erika Roos fokussieren geballte Kraft, da vereiert nichts im Divenvibrato.

Und von Gefahr kündet das Orchester von Anfang an. Ungeheuer, was da treppab in die Tiefe führt, während die Gesangslinien aller Protagonisten so zwingend deren Charakteren folgen, dass man begreift: Kurskorrekturen sind nicht möglich, das wird ein Crash. Und nicht nur nebenher bewundert man, wie mit dem Komponisten auch der Dirigent den Sängern müheloses Durchkommen sichert über dem gewaltigen Apparat. Chefdirigent Carl St. Clair zerfetzt sich schier am Pult, während Neuenfels mit zugleich fein psychologischen wie stilisierten Konstellationen Übersicht schafft. Hier eine Nähe, da eine Distanz, gewachsene Intensität, keine Outrage.

Außer bei Edmund. Der stimmlich als einziger überforderte John Daszak schlägt und schreit so platt um sich, eine Bestie im Käfig, dass man die Verletzungen nicht ahnt, die er als „Bastard“ des Grafen Gloster zu kompensieren hat. Und das Todesstakkato kurz vor Schluss (Goneril vergiftet Regan, Edgar fällt Edmund, Goneril ersticht sich, Cordelia wird als Tote gebracht) entgleitet dem Regisseur an die Grenze unfreiwilliger Komik. Oder gar der gewollten? Sonst erlebt man ihn an diesem Abend als Meister ohne Mätzchen.

Wie der geblendete Gloster (von Jens Larsen profund zu einer Parallelgestalt des Lear aufgewertet) und der verstoßene König durch ihre Dunkelheiten gehen, auf der oft shakespearehaft kargen, nüchternen Bühne von Hansjörg Hartung, wie dort der halbnackte, mit Ranken des Schmerzes tätowierte Martin Wölfel als Edgar seinen wunderbaren Countertenor in die Kälte hinein ornamentiert, innigst mit einer Bassflöte dialogisierend – solche Szenen haben die Präsenz des Lebens selbst. Das ist nicht mehr Bühne, so wie das Orchester auch nicht mehr Orchester ist, sondern Welt, Universum.

Reimanns Musik, die brutalen Blöcke wie die feinen Träume, die bronzenen Schmerzschläge, die brennenden Klagen, ist atemberaubend in ihrer Autarkie, ihrem Reichtum aus Notwendigkeit. Sie ist stärker geworden. Vielleicht haben wir sie auch nötiger. Die Frage nach ihrer Aktualität, erst recht nach ihrem Platz in der Avantgarde, rückt auf einmal fern. Avantgarde ist Vorbereitung, das hier ist Durchbruch. Wie Shakespeare erreicht Reimann die essenzführende Schicht, über der die Unterschiede der Epochen gering werden.

Und der Tod? Er ist ein Narr, in diesem Fall weiblich. Die zum Streichquartett gesprochenen Narrentexte überlässt Neuenfels der ihm angetrauten Schauspielerin Elisabeth Trissenaar. Sie spricht, leider, ohne Geheimnis, routiniert, wasserdicht statt zerbrechlich. Doch als der Narr nichts mehr zu sagen hat, macht Neuenfels ihn zum Tod. Der steht am Ende da, während Lear neben seiner erwürgten Lieblingstochter stirbt, und neigt das Haupt, überholt und überwältigt von der Tötungswut und Liebeskraft der Menschen. Und um alles pulst und funkelt fremd der statische, unauslotbare Klang wie ein Sein, das von uns schon nichts mehr weiß.

Wieder am 27. November sowie am 5., 18. und 27. Dezember.

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