Linden-Oper : Placido Domingo: Das kalte Herz der Welt

Placido Domingo gibt als „Simon Boccanegra“ an der Staatsoper Unter den Linden sein Bariton-Debüt

 Ulrich Amling
306874_0_ed981e8f.jpg
Aura aus Licht. Tenorissimo Placido Domingo in der Titelrolle in Federico Tiezzis Verdi-Inszenierung. Am Pult: Daniel Barenboim.Foto: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de

„Jede Heiterkeit auf Erden ist trügerischer Zauber. Unendlicher Tränen Quelle ist das menschliche Herz.“ Aus diesen Zeilen seiner Oper „Simon Boccanegra“ rinnt Giuseppe Verdis Melancholie wie ein schwarzes Rinnsal, schwillt an zum pessimistischen Strom und mündet in ein kaltes Meer des Schicksals. Seine Wellen tragen jede Hoffnung zu Grabe. Auch die hellste Fackel, eingetaucht in Schmerz und glühenden Hass, ist nur ein Licht im Wind. Gegen die Schwärze dieser Oper ist Wagners „Parsifal“ eine Operette mit Balletteinlage. Die Verzweiflung darüber, dass der Mensch seines Bruders Henker ist, dass Herrschaft immer zu Willkür führt und Hass die Liebe zerfrisst – hier wird sie Klang.

Wer „Simon Boccanegra“ auf die Bühne bringen will, braucht eine Lichtgestalt. Einen Darsteller mit Charisma, der aus dem Ringen mit der Finsternis Funken zu schlagen vermag, einen gebrochen ungebrochenen Geist. An der Berliner Staatsoper wartet man mit einem Besetzungscoup auf: Placido Domingo, der am heftigsten umjubelte amtierende Tenor, gibt in der Titelpartie sein Debüt als Bariton. Als sei ihm das Repertoire der bislang 134 Tenorrollen zu eng geworden, die er in seiner bald fünf Jahrzehnte währenden Karriere gesungen hat. Und wie bei seiner Eroberung des Wagner-Fach ist es Daniel Barenboim, dem er sich dabei anvertraut. Ein Unterfangen, das für den 68-jährigen Tenorissimo nicht ohne Gefahr ist: Wird er, in Berlin, Mailand und London nun auch bereits als Bariton gebucht, je wieder Spitzentöne erreichen? Beginnt hier ein Altersstil oder verabschiedet sich eine große Stimme in die Dämmerung?

So unersättlich sein Hunger auf neue Rollen, so konservativ Domingos Auffassung von Musiktheater. Sein Berliner Stimmwagnis wollte er nur im Originalkostüm des ersten Dogen von Genua aus dem 14. Jahrhundert eingehen; den Wunsch des Stars nach einer traditionellen Inszenierung, die auch mit dem Kooperationspartner Scala kompatibel sein soll, erfüllte Regisseur Federico Tiezzi. Der Kunsthistoriker aus der Toskana lässt die berühmten Mailänder Kostümwerkstätten prachtvolle Kostüme schneidern, die an Statuen womöglich den rechten Faltenwurf aufweisen, Menschen aus Fleisch und Blut hingegen an jeder halbwegs natürlichen Bewegung hindern. Seine Anziehpuppen leuchtet Tiezzi aus, wie es in Museen mittlerweile üblich ist: Aus einem beinahe dunklen Raum schälen Lichtskalpelle die Konturen heraus, die Figur scheint von innen zu glimmen.

Auf der Staatsopernbühne sieht das allerdings aus, als wüssten die Beleuchter nicht, wohin sie ihre Leuchtpunkte senden sollen. Zufallstreffer und unfreiwillige Pantomime der verunsicherten Akteure sind die Folge. Zu den unterbelichteten Tableaus gesellen sich wacklige Auf- und Abtritte sowie in ihrer fahrigen Motorik gänzlich unerlöste Chorszenen. Das ist – rein handwerklich – eine Katastrophe. Und in seiner Suche nach einem künstlerischen Horizont, mit einem halben Bob-Wilson-Himmel und eingespielter Video-Gischt, beinahe tragisch.

Doch wegen des Kabinetts von Signore Tiezzi ist niemand an diesem Abend in die Lindenoper gekommen. Die aus Kuba, Japan und Litauen angereisten Besucher wollen Domingo erleben – und sie bekommen ihn. Hoch konzentriert beginnt er als Simon Boccanegra ein langsames Sterben, das 25 Jahre währt: vom Tod der Geliebten in der Nacht, in der er zum Dogen ausgerufen wird, als er ins Grab will und den Thron besteigt, bis zum Verlöschen durch Gift, das ihm ausgerechnet derjenige verabreicht, der ihn einst zur Herrschaft drängte.

Domingo verleiht der Trauer seines Helden bewegende Gestalt. Musikalisch stellt ihn die neue Partie vor keine unlösbaren Aufgaben: Immer schon war seine Stimme baritonal grundiert, in Interviews gibt er unumwunden zu, dass es die Höhe ist, die für ihn Arbeit bedeutet. Man merkt ihm die Erleichterung an, einmal keine Spitzentöne stemmen zu müssen, doch er ruht sich darauf nicht aus, sondern investiert die freie Kraft in einige wunderbar geführte Tiefen und seelenvoll kolorierte Bögen. Stets spürt man Domingos Wissen, seine Musikalität und Gestaltungsintelligenz. Dazu ein gänzlich uneitles Arbeitsethos. Dieser Sänger ruft noch immer Respekt und Bewunderung hervor – und doch ist er dabei nicht frei, ganz wie seine Figur Boccanegra. Bei seinem Rollendebüt kontrolliert Domingo viel, man kann zusehen, wie er Töne versandfertig macht, behutsam und umsichtig.

Im Orchestergraben dagegen setzt Daniel Barenboim den harschen Ton fort, mit dem er das Haus bereits bei „Carmen“ oder „Eugen Onegin“ zum Erzittern brachte. Ihn fasziniert die Strenge in Verdis Musik und er härtet sie, zusammen mit einer eiskalten Sicht auf menschliche Leidenschaften, zum mitunter fatalistischen Kraftklang. Nichts bietet den Sängern eine Heimstatt, auch die Beschwörung des Meeres nicht, das bei Barenboim teilnahmslos bleibt gegenüber den Hoffnungen der an seinem Gestade Gestrandeten. Das liegt einigen Sängern mehr, wie Hanno Müller-Brachmann, der sich in der Rolle des intriganten Paolo einem dämonischen Jago annähert. Bei Anja Harteros aber, der frisch gekürten Sängerin des Jahres, geraten die zarten Höhen unter Druck, weil die Orchesterwolkendecke so tief hängt. Kwangchul Youn schreckt vor lauter Finsternis vor den letzten vokalen Abgründen seiner Partie als hasserfüllter Fiesco noch zurück, während Fabio Sartori als Adorno einen Hoffnungsträger mit leichten Spitzentönen und abwesendem Charakter auf die Bretter wuchtet.

Als Tiezzi und sein Team beim Schlussapplaus in einem Buh-Sturm zu ertrinken drohen, nimmt Barenboim die Hand des Regisseurs und stellt sich demonstrativ mit ihm an die Rampe, als Siegerdenkmal, minutenlang. Wer ins kalte Herz der Welt geschaut hat, den kann kein Publikum mehr schrecken. Die Ovationen für Domingo erreichen ozeanische Ausmaße.

Weitere Vorstellungen am 27. und 30. 10., 7., 10. und 13.11. (ausverkauft), sowie bei den Festtagen der Staatsoper am 27. und 30. März 2010

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben