Lothar Zagrosek : Der nächste Dirigent will weg

Berliner Dirigentendämmerung: Nach Ingo Metzmacher vom Deutschen Symphonie-Orchester droht nun auch Lothar Zagrosek, der Chef des Konzerthausorchesters, mit seinem Abgang.

Christiane Peitz
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Blick nach vorn. Lothar Zagrosek 2006 bei seiner Vorstellung als Chefdirigent vor dem Konzerthaus 2006. Foto: Imago

Erst Ingo Metzmacher, nun Lothar Zagrosek. Anfang März hatte der Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters überraschend seinen Weggang im Sommer 2010 verkündet, genauso überraschend will nun auch der Chefdirigent des Berliner Konzerthausorchesters seinen Vertrag über die Spielzeit 2010/2011 hinaus nicht verlängern.

Und wieder ist es ein Affront, eine grelle Dissonanz und eine öffentliche Ohrfeige für seinen Dienstherrn, das Land Berlin, sowie für die Hausherrn am Gendarmenmarkt, den nach 17 Jahren in den Ruhestand scheidenden Intendanten Frank Schneider sowie dessen Nachfolger Sebastian Nordmann. Die wussten offenbar alle von nichts, als Zagroseks Münchner Künstleragentur am Freitagnachmittag eine knappe Pressemitteilung herausgab. Der 66-jährige Dirigent bedauert darin ausdrücklich, „dass er für eine Fortführung seiner seit drei Jahren von großer öffentlicher Zustimmung begleiteten inhaltlichen Neupositionierung des Konzerthausorchesters aufgrund der fehlenden Unterstützung seiner Arbeit keine Perspektive mehr sieht“.

Kein weiterer Kommentar: Am Freitag war der musikalische Leiter des Konzerthauses für niemanden zu sprechen. Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz bleibt nur verzweifelte Schadensbekämpfung, indem er über seinen Sprecher mitteilen lässt, dass man sich mit Zagrosek auf „Gespräche über eine Vertragsverlängerung“ verständigt habe und über laufende Verhandlungen herrscht Stillschweigen, bitteschön.

„Fehlende Unterstützung“, „keine Perspektive“: Zagroseks Mitteilung klingt anders als ein Schachzug im Poker um bessere finanzielle Ausstattung. Das Konzerthausorchesters ist das letzte direkt von Berlin alimentierte Ensemble, das sich unter Zagrosek aus dem Schatten der Berliner Philharmoniker (eine Stiftung) und der im Rundfunkorchester- und ChöreVerbund (der ROC-GmbH) versammelten Ensembles lösen konnte. Zumindest ähnelt Zagrosek seinem Kollegen Metzmacher auch in diesem Punkt: Er stellt sich denkbar ungeschickt an. Metzmacher hatte die Öffentlichkeit im März am Ende der DSO-Pressekonferenz brüskiert – und es hinterher nur strategisch gemeint. Zagrosek zieht noch schneller: Die Jahrespressekonferenz des Konzerthauses ist für Montag terminiert, dann will der Dirigent Einzelheiten bekannt geben. Gleichzeitig wird der neue Intendant, der von den Musikfestspielen Mecklenburg-Vorpommern nach Berlin wechselnde Sebastian Nordmann, seine erste Saison vorstellen. Der eine droht mit Abgang, der andere kommt gerade erst: Das sieht nicht gut aus nebeneinander.

Steckt hinter Zagroseks Affront ein Streit mit dem Neuen, über Ausstattung und Finanzen? Einerseits ist es dem ehemaligen GMD der Stuttgarter Staatsoper seit 2006 gelungen, dem Glanz des Scharoun-Baus am nahen Potsdamer Platz Vitalität, Originalität und Innovation entgegenzusetzen. Zagrosek räumte zur Eröffnung Stühle aus dem Parkett, überraschte mit konzertanten Opernabenden und Pulbikumsorchestern, er probiert neue Konzertformen aus und gräbt vergessene Musikschätze aus. Das kommt an bei den Klassikfans in Berlin. Dennoch hat sein Orchester keinen eigenen, festen Etat. Die seit Jahren eingefrorenen Gehälter der 113 Musiker speisen sich aus dem Gesamtetat des Hauses. 2008 waren es 17,6 Millionen Euro: knapp 6 Millionen Euro Eigeneinnahmen plus 11,7 Millionen Euro Landesgelder plus Drittmittel – wie die aktuelle 500 000-Euro-Spende der Tengelmann AG, die auch für die nächsten beiden Jahre zugesichert ist – und womöglich bereits Nordmann zu verdanken ist.

Der 37-Jährige gilt als versierter Drittmittel-Beschaffer, er weiß, wie man mit Sponsoren umgeht. Aber mit Sponsorengeldern dürfen bekanntlich keine Gehälter aufgestockt werden, sie sind für Projekte da, etwa für Jugendprogramme und musikalische Bildung. Wie tüchtig Nordmann auch akquirieren wird, das Orchester muss jedes Mal bangen, wenn Tariferhöhungen für die nichtkünstlerischen Bereiche ins Haus stehen – wie demnächst in Berlin. Die Gelder dafür müssen aus dem Gesamtetat genommen werden, also bleibt für die Musik und die Musiker weniger übrig. Vermutlich hat Zagrosek die Wut über den vorenthaltenen Groschen gepackt, den permanenten Sparzwang.

Ach Berlin, deine Orchester. Vier Konzertorchester der Spitzenklasse, drei Opernorchester vom Feinsten – das ist eine weltweit konkurrenzlose Musiklandschaft. Und alle können sich hören lassen, nicht nur die Star-Ensembles, Rattles Philharmoniker, Barenboims Staatskapelle oder Metzmachers DSO. Zagroseks Konzerthausorchester und Marek Janowskis Rundfunk-Sinfonieorchester haben deutlich aufgeholt in jüngster Zeit – das stärkt das Selbstbewusstsein.

Doch Stolz und Krise vertragen sich schlecht. Staatlich subventionierte Kunst kann auf weniger Mitleid hoffen als in saturierten Zeiten. So verständlich der Dauerfrust über knappe Kassen trotz eigener Erfolge auch ist, Kamikaze-Aktionen wie die von Zagrosek und Metzmacher lösen das Problem nicht. Im Gegenteil, sie bergen das Risiko, dass am Ende keine zusätzlichen Gelder für die Musik gewonnen, aber ein oder zwei großartige Dirigenten verloren sind. Die Musikstadt Berlin kann sich solche Eskapaden nicht leisten.

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