Mainz : "Madame Butterfly" wird jede Süßlichkeit verwehrt

Katharina Wagner inszeniert Puccini in Mainz. Das Publikum ist geteilter Meinung.

Claus Ambrosius

Man kann sich nicht davon freimachen: Selbst wenn Katharina Wagner einmal nicht Wagner inszeniert, scheint immer auch der Urgroßvater mitzuschwingen. Giacomo Puccini gehört zu Katharinas Lieblingen, an dessen „Madama Butterfly“ interessiert sie nicht der koloniale Konflikt zwischen Japan und Amerika, sondern ein grundsätzlicher: Butterfly steht für die Traditionen, Pinkerton für die Abwesenheit derselben im System eines auf sich selbst fixierten Mannes. Wagners Mainzer Inszenierung beginnt mit zehn turbulenten Minuten: Heiratsvermittler Goro wird als Mephisto-Typ installiert, der Pinkerton durch einen siebentürmigen Markt der Möglichkeiten führt (Bühne und Licht: Monika Gora). Straps-, Lack- und Lederfetische sind dabei, ebenso ein ausgestopfter Matrose. Pinkerton aber entscheidet sich für das einzige geheimnisvolle Angebot, das mausgrau im Eck steht: die verschleierte Butterfly.

Es ist der Abend des Kostümbildners Thomas Kaiser. Wurzeln aus Stoff hängen an Butterflys Kostüm, in ihren Taschen bewahrt sie Traditionen in Pappschachteln auf. Der Vermählungsakt könnte als Runen-Übergabe aus „Siegfried“ stammen: Pinkerton überreicht Butterfly eine Schachtel – sie wird sie an Kindes statt aufbewahren, bis sie den Betrug des Geliebten erkennt. Bis dahin lebt sie im Dazwischen. Nicht Japanerin, nicht Amerikanerin. In einer bühnenhohen Konstruktion durchläuft derweil ein Pinkerton-Double (oder ein fliegender Holländer?) die immer gleichen Stationen fleischlicher Lust, erschießt Gefangene, beschmiert die Wände mit Blut. So schwach gezeichnet hat man Pinkerton noch nicht erlebt. Er ist dem Strippenzieher Goro völlig hörig, der am Ende gar gedoppelt in der Rolle seiner Gattin Kate auftaucht.

Das Suizid-Finale gerät unentschlossen. Butterfly erkennt die Schwäche ihres vermeintlichen Gatten und reißt sich den Schleier herunter, der Vorhang fällt. Bleibt sie am Leben? Gibt es ein danach? Auf jeden Fall bleibt die tiefe Einsicht in den brutalen Text dieser Puccini-Oper, der in Mainz jede Süßlichkeit verwehrt wird. Auch Chefdirigentin Catherine Rückwardt bietet keinen Balsam. Sie bleibt zwar nah an den Sängern, irritiert im ersten Akt aber mit eigenwilligen Tempi. Akt zwei und drei gelingen dann geschlossener. Abbie Furmansky identifiziert sich überzeugend mit der szenisch zurückgenommenen Butterfly und singt mit saftigem Sopran – daneben wirkt der Pinkerton von Sergio Blazquez mindestens eine Nummer zu klein besetzt.

Das Mainzer Publikum zerfällt beim Schlussapplaus in mäßig starke Ablehnung und Zustimmung. Katharina Wagner selber konnte bei der Premiere übrigens nicht anwesend sein. Ihr Vater Wolfgang Wagner liegt mit Lungenentzündung im Krankenbett. Claus Ambrosius

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