Maxim Billers verbotener Roman : Esra auf der Bühne: Wein doch!

Alle sind privat: Angela Richter bringt in Hamburg den verbotenen Roman „Esra“ von Maxim Biller auf die Bühne.

Katrin Ullmann
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Innenschau. Sebastian Blombergs Tirade über seine Liebe. Foto: Roland Magunia/ddp

„Ich will mit Dir privat sei. Verstehst Du?“ erklärt Esra zu Beginn des Romans. Da spricht sie mit ihrem Geliebten über die Grenze zwischen Privatleben und Kunst. Der Geliebte heißt Adam, ist Schriftsteller und zeigt wenig Verständnis: „Es war für mich nicht einfach, mit Esras Angst vor dem geschriebenen Wort zu leben.“ Adam ist der Ich-Erzähler in Maxim Billers Roman „Esra“ und ein deutliches Alter Ego des Autors. Esra fürchtet den voyeuristischen Trieb dieses Künstlers, sein Privatleben und damit auch das ihre in Buchform öffentlich zu machen.

Doch der Autor Maxim Biller kommt dieser Bitte nicht nach. Er schreibt einen Roman – seinen zweiten – und erzählt darin von der großen, gescheiterten Liebe zwischen einem jüdischen Schriftsteller und einer türkischstämmigen Schauspielerin. Ende Februar 2003 veröffentlicht er das recht autobiografisch geprägte Buch bei Kiepenheuer & Witsch und erregt damit einige Gemüter, doch vor allem jede Menge Aufsehen. Ist der Roman eine private Abrechnung, eine Eloge an die Liebe oder große Kunst?

Nur wenige Monate später wird das Vertreiben des Buches per einstweiliger Verfügung untersagt. Billers Exfreundin und ihre Mutter haben sie erwirkt. Sie glauben sich in dem Buch wieder zu erkennen, fühlen sich in ihrem Persönlichkeitsrecht verletzt. Der Verlag geht in Berufung, die Klage landet beim Bundesgerichtshof, der die Revision verwirft. Schließlich wendet sich Kiepenheuer & Witsch an das Bundesverfassungsgericht. Doch das Buch bleibt verboten. Bei einer späteren Schadensersatzklage werden Billers Exfreundin schließlich 50 000 Euro Schmerzensgeld zugesprochen.

Der mehrjährige Rechtstreit erhitzte eine Debatte um die Grenzen der Fiktion und die Freiheit der Kunst, die über hundert Schriftstellerkollegen, Verleger, Schauspieler und Regisseure – von Herbert Achternbusch über Elfriede Jelinek bis Peter Zadek – zu einer massiven Biller-Solidarisierungsschrift bewegte.

Auf Kampnagel hat Angela Richter den „Fall Esra“ nun als „Rezeptionsdrama eines Romans“ inszeniert. Einen leuchtenden Wald aus 612 Glühbirnen hat Katrin Brack dazu entworfen. Die Installation erinnert an die Arbeiten von Christian Boltanski. Es ist ein nahezu sakraler Raum, in dem die Darsteller sich zwischen den Kabelschnüren vorsichtig ihre Wege suchen. „Vielleicht ist Esra ja da?“ flüstern sie und gucken suchend ins Publikum. Als keine Antwort kommt, „liest“ einer, Yuri Englert, aus dem Roman. Immer noch flüsternd, behutsam und doch gierig wagt er sich an das verbotene Innere, an die Sexszene, die als arge Intimitätsverletzung das Urteil begründete. Doch alle vermeintlich zitierten Passagen sind – Angela Richter hat sich juristisch beraten lassen – nur „persönliche Rekonstruktionen der Schauspieler aus ihren Erinnerungen an das Original“. Abwechselnd lesen und spielen die Darsteller den Text, darunter auch der redegewandte, klug gecastete Oberstaatsanwalt a.D. Dietrich Kuhlbrodt. Hin und wieder löst sich ein Darsteller aus dem Spiel, offenbart seine persönliche Meinung und verdrückt ein paar gerührte Tränen. Doch diese Innenschau verebbt, ist zu sehr Bestandteil des (schau)spielerischen Könnens.

Als Sebastian Blomberg allerdings zu einer Tirade über seine persönlichen Liebschaften und die amourösen Verstrickungen und Verwicklungen in der Film- und Theaterbranche ausholt, als er Namen nennt, Adressen und Lieblingsdrogen, entsteht eine höchst irritierende Mischung aus Kunst und Privatsphäre. Laut, dreckig und schamlos resümiert Blomberg seine Liebe zu einer Schauspielerin. Er erzählt von gemeinsamen Katerfrühstücken, ausbleibenden Filmengagements und den wenig glamourösen Konditionen auf Kampnagel. Mit seinem wütenden Monolog gelingt Sebastian Blomberg der Höhepunkt des Abends. Schonungslos stellt er seine Beziehung aus, ist auf der Bühne privat und Kunstfigur zugleich.

Unterhaltsam-ironisch nähert sich Angela Richter dem „Fall Esra“ und schafft einen Theaterabend voller Anspielungen, Schweigeminuten und Verweise. Immer wieder lässt sie die Darsteller Privates erzählen, ob vom Tod der Mutter, vom persönlichen Frust oder von der frischen Liebe. Doch leider bleibt Richters szenische Kritik am Urteil der Richter ein sanfter, fast privater Protest. Fern von Wut, Provokation oder Angriffslust.

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