Metzmachers Abgang : Was heißt das für die Berliner Orchesterlandschaft?

Das Deutsche Symphonie-Orchester verliert seinen Chef. Ein Verlust für die Berliner Konzertlandschaft? Sagen Sie uns Ihre Meinung am Ende des Artikels.

Frederik Hanssen

Ingo Metzmacher kann wunderbar über Musik reden. Das hat er am auch Donnerstag wieder getan, bei der Präsentation seines Spielplans für die Saison 2009/10. Seit der 1957 in Hannover geborene Metzmacher Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters (DSO) in Berlin ist, widmet er sich in jeder Saison einem Thema. Zunächst durchleuchtete er die „deutsche Seele“, aktuell geht es um den „Aufbruch 1909“, um das Jahr, als Arnold Schönberg die Anarchie der Atonalität ausrief. Und nun also die „Versuchung“ – denn, so sagt Metzmacher: „Musik kann uns verführen. Wir spüren, was sie uns mitteilen will und können doch nicht sagen, was es ist. Denn es gibt Dinge, die so tief und wahr sind, dass, sie mit Worten zu benennen, sie klein und unbedeutend machen würde.“

Wie üblich bei Metzmachers Auftritten hingen die Zuhörer an seinen Lippen, ließen sich begeistern von seinen Visionen für künftige Konzertprojekte. Dann aber zog der 51-Jährige plötzlich einen Zettel aus seiner Jackett-Tasche und verkündete, aus Protest gegen eine geplante Stellenreduzierung beim DSO werde er seinen bis zum Sommer 2010 laufenden Vertrag nicht verlängern.

Wie konnte es zu dem Eklat kommen?

Das DSO ist seit 1994 Teil einer Musikholding. Als im Zuge der Wiedervereinigung die Radiostationen RIAS sowie DS Kultur im Deutschlandradio aufgingen, wurden fünf Ensembles heimatlos. Aus dem Ostteil der Rundfunkchor sowie das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, aus dem Westteil der RIAS Kammerchor, die RIAS Big Band sowie eben das DSO. Für die traditionsreichen, weit über die Grenzen der Stadt hinaus geschätzten Klangkörper war es von Anfang an eine Notlösung: Um Überleben zu können, akzeptierten sie die Gründung der „Rundfunkorchester und -chöre GmbH“ (ROC). Wohl gefühlt haben sie sich in dieser Zwangsehe aber nie.

Diverse Intendanten haben in den vergangenen 15 Jahren versucht, die ROC zu einer Einheit zu schmieden, zu einer schlagkräftigen modernen Institution mit 300 Künstlern und 50 Mitarbeitern im Backstage-Bereich. Immer wieder galt es dabei aber auch, Sparziele umzusetzen, die von den vier ROC-Gesellschaftern – dem Bund, dem Land Berlin, dem RBB sowie dem Deutschlandradio – vorgegeben wurden. So musste beispielsweise die RIAS Big Band im Jahr 2002 abgewickelt werden. Lange wurde außerdem eine Halbierung des Rundfunk-Sinfonieorchesters diskutiert. Da durfte es sich der aktuelle Intendant, Gernot Rehrl, als enormen Erfolg anrechnen, dass er im Februar die Gesellschafter überzeugen konnte, den 28-Millionen-Euro-Etat für die Jahre 2010 bis 2012 jeweils um sechs Millionen Euro aufzustocken.

Warum wird ein Geldsegen zum Problem?

Damit, so schien es, waren die zwei Orchester und die beiden Chöre alle Sorgen los – und das mitten in der globalen Wirtschaftskrise. Zwei Drittel der Summe werden benötigt, um ein in den Sparjahren aufgelaufenes strukturelles Defizit auszugleichen sowie Rücklagen zu bilden für künftige Gehaltserhöhungen der Mitarbeiter. Fast zwei Millionen Euro aber können in die Zukunft investiert werden. Und da stellt sich Ingo Metzmacher hin und behauptet, unter den gegebenen Bedingungen könne er nicht weiterarbeiten. Menschen, die nicht ganz eng mit der deutschen Klassikszene vertraut sind – also fast allen –, ist diese Aussage nur sehr schwer vermittelbar.

Wie ticken Orchestermusiker?

Musiker leiden darunter, dass sie von allen Akademikern die schwersten Arbeitsbedingungen haben. Keinem hocken die Kollegen so dicht auf der Pelle wie den Musikern auf dem Konzertpodium oder im Orchestergraben, keiner muss so oft am Abend und am Wochenende Dienst schieben. Dafür, dass wenigstens die Bezahlung stimmt, sorgt die „Deutsche Orchestervereinigung“, die wohl stärkste Gewerkschaft in Deutschland mit einem Organisationsgrad von fast 100 Prozent. Im Flächentarifvertrag der „Kulturorchester“ kann jeder ablesen, wie viel die Ensemble in Deutschland verdienen.

Darum drängen alle Orchester ihre Chefdirigenten stets, etwas für sie herauszuschlagen, wenn Vertragsverlängerungen anstehen. Beim DSO ging es darum, dass Metzmacher zusätzlich zur üppigen Aufstockung des ROC-Etats auch noch eine Anhebung der aktuellen Personaldecke erreichen sollte, weil derzeit mehrere Solo-Stellen vakant sind. Auf dem Papier hat das DSO 114 Planstellen, besetzt sind 101,5. Im Zeitraum 2010 – 2012 sollten 103 Musiker die Obergrenze sein, hat Intendant Gernot Rehrl seinen Gesellschaftern vorgeschlagen. Zudem soll der interne Konkurrent, das Rundfunk-Sinfonieorchester, als Belohnung für außergewöhnliche Leistungen erstmals finanziell auf Augenhöhe mit dem DSO gestellt werden. Das wollte Metzmacher nicht akzeptieren.

Wie soll es weitergehen?

Die Zukunft des 1946 gegründeten DSO ist düster wie nie zuvor. Weil sie den Hals nicht voll genug bekommen konnten, könnten sie jetzt das Märchen vom Fischer und seiner Frau erleben. Ohne Chefdirigenten werden sie sich ab Herbst 2010 im harten Wettbewerb der hauptstädtischen Szene kaum behaupten können. Nachdem Daniel Barenboims Staatskapelle das DSO bereits vom angestammten Platz als lokaler Nummer zwei hinter den Berliner Philharmonikern verdrängt hat, werden nun wohl auch die bislang gleichauf Platzierten, das RSB und das Konzerthausorchester, am DSO vorbeiziehen. Da im Klassik-Business die gefragten Interpreten extrem lange im voraus gebucht werden, kann es Jahre dauern, bis das DSO mit einem neuen Chefdirigenten durchstarten kann. Wenn sich überhaupt noch einer findet.

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