Moliére : Und ich so: voll genervt

"Der Geizige" am Maxim-Gorki-Theater: Peter Licht und Jan Bosse holen Molière ins ewig pubertäre Heute.

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Als „Der Geizige“ vor knapp dreihundertfünfzig Jahren in Frankreich gezeigt wurde, war das Publikum etwas irritiert. Es verstand Molières kauzige Komik nicht. Nach einer Anekdote (Quelle: Kindlers Literaturlexikon) soll bei einer Aufführung, bei der auch Racine zugegen war, nur ein einziger Mensch gelacht haben. Racine war es nicht.

Man kann nicht gerade sagen, dass es der allerneuesten Theaterfassung dieses Stücks genauso ergeht. Im Gegenteil: An diesem Abend kommt das Publikum im Maxim-Gorki-Theater aus dem Lachen gar nicht mehr heraus. Molières Geizkragen in der Neufassung des Musikers und Autors Peter Licht ist ein regelrechter Schenkelklopfer – und eine perfekte Inszenierung für das kleine Gorki. So etwas schwebte Intendant Armin Petras wohl vor, als er zur Neueröffnung vor einigen Jahren vom schnellen Großstadttheater sprach: Eine alte Geschichte wird zeitgemäß erzählt, souverän in Szene gesetzt, unterhaltsam heruntergespielt, und ein bisschen Kritik an den Zuständen ist auch dabei.

Heutige Kritik, das heißt, nicht aus einer fingierten Außenseiterposition formuliert, sondern von innen heraus, systemimmanent, wie es so schön heißt. Aber wie geht das eigentlich, sagen wir, an einem immer extremer werdenden Warenfetischismus Kritik zu üben, wenn man selbst Warenfetischist ist, wie es Peter Licht in einem Interview kürzlich bekannt hat? „Das neue MacBook finde ich natürlich total geil, gleichzeitig ist es natürlich total unwichtig. Ich brauche das nicht, ich brauche gar nichts aus diesem Warenangebot. Ich liebe es ...“ Es geht wohl nur, indem man dieses Dilemma mit intelligentem Witz und Selbstironie beschreibt – und das Einzige, was man diesem grellen Kabarett- und Diskursspektakel vorwerfen kann, ist seine Länge. Eine halbe Stunde kürzer wäre noch unterhaltsamer gewesen.

Man sieht in einen sich nach hinten stark verjüngenden Raum, der an allen Seiten verspiegelt ist (Bühne: Stéphane Laimé). Darin eine Tafel, an der ein halbes Dutzend Schauspieler in Rokokokleidern sitzen, die gepuderten Frauenperücken turmhoch aufgesprayt, das Männerhaar schmierig an die Kopfhaut geklatscht. Die Reifröcke und eng geknöpften Seidenoberteile mit Puffärmeln (Kostüme: Kathrin Plath, Jonas Landerschier) wirken einerseits verlottert, die fiesen Pastelltöne lassen andererseits an eine puppenhafte Bonbon-Unwirklichkeit denken. Die sitzen da offensichtlich seit Jahrhunderten in einer dekadenten Spätzeit, an der Stirn der superreiche Papa Harpagon, vorn sein Sohn Cléanthe und Töchterchen Elise, beide mit höfischem Geckenanhang – und simulieren den immer gleichen Konflikt ums leidige Geld.

Papa hat es, die Kinder wollen es. Alle Versammelten reden, begleitet vom Cemballosound einer Hintergrundorgel, in einem sehr lustigen und seltsamen Comic- oder Rumpfdeutsch, mit vielen „Okays“ und empörten „Hääääs?“ und Dutzenden „Ich so: voll genervt“. Ein Gespräch über die augenblickliche Stimmung zwischen Elise (Hilke Altefrohne) und ihrem Lover Valère (Johann Jürgens) hört sich dann so an. Er, offenbar verletzt: „Ich so: Love und Togetherness. Du so: häng häng. Hääh - warum bist du so drauf? Sie: Ich weiß nich. Er: Hääh? Was? Wie meinen? Verzeihung? Ich so: Ich hier. Und. Du. Du da. Wir beide. Ich so: WIR BEIDE.“

Da ist jedes Wort in seiner Albernheit allerdings auch sehr musikalisch gesetzt, so dass, man kann es kaum glauben, mithilfe dieser sehr beschränkten Kunstsprache eine Fülle von Assoziationen oder Stimmungen aufgerufen werden. Den Höhepunkt dieses minimalistischen Pingpongs bildet ein aus Floskeln und Versatzstücken bestehender virtuoser Dialog, bei dem Papa dem Sohn erst Geld verspricht, um es ihm dann wieder zu verwehren.

Peter Licht hat Molières Sympathieträger vertauscht. Die Kinder sind die narzisstischen, konsumorientierten Weicheier, besonders Cléanthe, dem Robert Kuchenbuch eine weinerliche Selbstgerechtigkeit gibt. Umgekehrt wird aus Harpagon eine Art Zen-Buddhist des Geldes. Hinter Peter Kurths jovial-despotischem Gebaren pocht ein charismatisches esoterisches Bedürfnis nach Reinheit. Am liebsten will er, dass Geld nur für sich steht, unabhängig von Begehrlichkeiten der anderen, als pures Material des Imaginären, der Möglichkeit, das als solches immer perfekter als jede Wirklichkeit ist. Geradezu euphorisch berichtet er von seiner Angewohnheit, die überschüssige Zahnpaste durch Unterdruck wieder in die Zahnpastatube zurückzusaugen. „Ich liebe Unterdruck.“ Das nennt man wohl einen analen Charakter.

Wie ihm hat Peter Licht auch den anderen Figuren überdrehte Zwischenmonologe aus der Hölle der heutigen Konsum- und Alltagswelt auf den Leib geschrieben. Valère berichtet von einer mystischen Begegnung mit einem äffischen Hosengott, der ihm befiehlt, seine Jeans nie zu waschen, um so das Verblassen der Optik zu verhindern. Und Sabine Waibel als Bedienstete der Familie berichtet eindrücklich von ihrem morgendlichen Bittgespräch mit ihren Rückenwirbeln zwecks Minimierung des Schmerzes.

Jan Bosse hat das mit dezenter Verbeugung vor der Ästhetik der alten Volksbühne vergnüglich umgesetzt. Der Rhythmus stimmt, die Pointen sitzen, und als Running Gag klingelt immer wieder das Telefon. Vater und Sohn hoffen jedes Mal, dass es Marianne ist, auf die beide ein Auge geworfen haben.

Und wie geht die Geschichte aus? Wer bekommt Geld und Marianne? Es gibt keine Lösung, denn ein Dilemma bleibt ein Dilemma. Oder, nach der zauberischen Perfidie Peter Lichts: Jeder bekommt alles. Und Singen hilft immer. Da stehen sie also am Ende in ihren Reifröcken und Schnallenschuhen und singen „Über uns wölbt sich der Immobilienhimmel“ und heben die Arme wie Waldorfschüler, die eine unendliche Null in die Luft malen.

Wieder am 26.2. und 10.3.

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