Musical : "Ewig Jung" am Renaissance Theater

Nach Aufführungen unter anderem in Dresden ist die Fassung "Ewig Jung" nun am Renaissance Theater in Gedeons eigener Regie zu sehen – und auch hier wird sie ein Renner werden, kein Zweifel.

Patrick Wildermann

BerlinDas Stück wurde aus der Not geboren, genauer: aus dem Wasser. Das Hamburger Thalia Theater zeigte damals die Dante-Trilogie des Regisseurs Tomaz Pandur, die mit einem aufwendigen Bühnenbild aus Wasser arbeitete, es dauerte zwei Tage, alles wieder abzupumpen. In der Zeit war etwas anderes zu spielen unmöglich. Und so erfand der musikalische Leiter des Hauses, Erik Gedeon, den Abend „Thalia Vista Social Club“, der auf der Vorderbühne laufen konnte – während es hinten abfloss. Die Geschichte der in zehn Tagen geprobten Nummernrevue: Das Thalia Theater ist anno 2044 eine Seniorenresidenz, ein paar übrig gebliebene, greise Schauspieler des Ensembles, die ihre echten Namen tragen, kommen allabendlich im Aufenthaltsraum zusammen, um in Erinnerungen zu schwelgen und die Lieder von damals zu singen. Der Pausenfüller wurde ein so sagenhafter Erfolg, dass Gedeon gar nicht anders konnte, als ihn auch für andere Häuser adaptierbar zu machen.

Nach Aufführungen unter anderem in Dresden ist die Fassung „Ewig Jung“ nun am Renaissance Theater in Gedeons eigener Regie zu sehen – und auch hier wird sie ein Renner werden, kein Zweifel. Das Premierenpublikum tobte. Als Erster sprang Klaus Wowereit vom Sitz, um stehend Beifall zu spenden, und alle, alle folgten. Der Witz ist, dass ein paar auf Methusalemalter geschminkte Schauspieler eine aus dem Ruder laufende Ü-80-Party feiern, auf Biegen und Gebrechen. Es klopft der Krückstock im Takt von „I Love Rock’n’Roll“, es zucken die arthritischen Glieder zu „Stayin’ Alive“. Harry Ermer begleitet die Sause am Klavier, zwischendrin stört, was einige der schönsten Momente beschert, Angelika Milster als herrische Schwester Angelika die traute Rentnerrunde und singt morbide Lieder über Tod und Verwesung – übrigens bestens gestimmt, obwohl sie sich als grippekrank ansagen ließ.

Der Altersspott gibt überhaupt den Ton an, die theaterinternen Scherze dieser Seniorenbühnenshow halten sich in Grenzen. Da wird in der Renaissance-Version zwar über die 6438. Vorstellung von Yasmina Rezas „Kunst“ geulkt, „mit anschließendem Publikumsgespräch für die BVG- Mitglieder“, da ruft Anika Mauer als zerzauste Diva a.D. mit prädementem Pathos immer mal wieder „Ich bin die Möwe!“, aber eigentlich füllen die Texte sämtlich nur die Lücken zwischen den Gesangseinlagen der greisen Selbstdarsteller, die zu Jukebox-Hits und Medleys hemmungslos die fußlahme Rampensau rauslassen. Dieter Landuris als Schussel mit Goldfischglas, Guntbert Warns als verblühter Playboy und Timo Dierkes als furzender Hippie im Lebensherbst chargieren, kiffen und keifen – oft komisch, manchmal auch peinlich. Wer vom Alter mehr Ernst, gar Nachdenklichkeit erwartet, ist in dieser Anarchohölle fehl am Platz. Der Abend ist eine Gaudi. Und mehr will er nicht sein.

Wieder: 13. und 16. Oktober, 20 Uhr.

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