Nachfolge-Verhandlungen in Berlin : Wer kann die Deutsche Oper regieren? Ein Triumvirat soll's richten

Es ist ein kaum lösbares Problem: Wer ist geeignet, in die Fußstapfen der derzeitigen Intendantin der Deutschen Oper, Kirsten Harms, zu treten? Deren Vertrag läuft zwar noch bis 2011 - das Feilschen um den begehrten Posten ist jedoch schon jetzt in vollem Gange. Viele wollen ein Wörtchen mitreden. Nach Informationen des Tagesspiegel soll künftig eine Dreierspitze das Opernhaus auf Kurs bringen.

Frederik Hanssen
Deutsche Oper
Die Deutsche Oper in Berlin - wer soll hier ab 2011 den Ton angeben? -Foto: dpa

BerlinKlaus Wowereit ist zu Recht stolz darauf, dass es ihm in seinem Nebenjob als Kultursenator bislang gelungen ist, seine Kandidaten bei wichtigen Personalentscheidungen nach strengem Silentium zur allgemeinen Verblüffung wie Kaninchen aus dem Hut zu zaubern. Bei der Suche nach einem neuen Intendanten für die Deutsche Oper jedoch gibt es jetzt eine poröse Stelle. Der Fall ist heikel, über die Nichtverlängerung des Intendanten-Vertrags von Kirsten Harms (noch bis Sommer 2011) wird beredt geschwiegen, viele Menschen wollen mitreden, die Meinungen, wer die Idealbesetzung für die Amtsnachfolge sei, gehen weit auseinander. Mancher wurde schon gefragt, viele haben dankend abgelehnt, auch weil es bereits einen Generalmusikdirektor gibt, mit dem sich Harms’ Nachfolger wird arrangieren müssen.

Donald Runnicles hat einen bis 2014 laufenden Vertrag in der Tasche, der ihm ein klar definiertes Mitspracherecht in allen künstlerischen Fragen zusichert. Der 1954 geborene Schotte will „stilprägend“ an der Bismarckstraße wirken, nicht allein als allseits geschätzter Wagner-Interpret, sondern auch, wenn es um die Auswahl der Stücke und der Regieteams geht. Das klingt vermutlich nicht verlockend für die big names unter den Opernlenkern.

„Ich habe immer starke Intendanten gehabt – warum sollte das ausgerechnet jetzt anders ein?“, erklärte Runnicles jedoch, als das Gerücht aufkam, er wolle keine weitere Leitungspersönlichkeit neben sich dulden. Der Wunschkandidat, den er sich nun offenbar ausgesucht hat und mit dem der Senat derzeit intensiv verhandeln soll, passt allerdings nicht zu seinen markigen Worten. Der Maestro möchte den 34-jährigen Daniel Kühnel aus Hamburg abwerben. Als Sohn deutschstämmiger Rumänen ist Kühnel in Tel Aviv aufgewachsen, kam mit 18 Jahren zum Jurastudium nach Berlin, promovierte und knüpfte Kontakt zur Deutschen Oper, zunächst als Regie-Hospitant, dann auch als Assistent des Justitiars.

2004 bewarb er sich bei den Hamburger Symphonikern: Die bewiesen Mut, machten den charmanten, zielstrebigen jungen Mann zum Intendanten – und haben es nicht bereut. Denn der bekennende Ballett-Fan und Hobby-Fagottist Kühnel konnte nicht nur das Image des kleinsten Orchesters der Hansestadt aufpolieren, sondern auch Jeffrey Tate als Chefdirigent ab 2010 gewinnen und eine Erhöhung des städtischen Zuschusses von drei auf 4,5 Millionen Euro durchsetzen.

So wichtig es ist, Nachwuchskräften eine Chance zu geben, zumal in Zeiten, da republikweit ein Mangel an Führungspersönlichkeiten für die bedeutenden Kulturinstitutionen beklagt wird – Runnicles’ Favorit scheint dann doch eine Nummer zu klein für Deutschlands zweitgrößtes Musiktheater zu sein. Um mit 38 Millionen Euro Subventionen pro Jahr Spitzenqualität produzieren zu können, um eine Chance gegen die künftig mit den zwei internationalen Schwergewichten Daniel Barenboim und Jürgen Flimm besetzte Staatsoper zu haben, muss der Charlottenburger Intendant perfekt vernetzt sein: je hochkarätiger der Künstler-Freundeskreis, desto besser. Schließlich ringen in der Weltmusikmetropole Berlin alle um dieselben Künstler. Bei allem lobenswerten Engagement für ihr Haus fehlte Kirsten Harms genau diese Zusatzqualifikation. Im Gegensatz zu Daniel Kühnel hatte sie aber vor ihrem Antritt in Berlin 2004 schon eine Mehrsparten-Bühne geleitet, das Theater Kiel.

Da man sich wohl auch in der Senatskanzlei bewusst ist, wie wichtig klingende Namen für das Selbstbewusstsein der Deutschen Oper sind, will man die neue Führungsspitze mit Jossi Wieler als Chefregisseur garnieren. Der Schweizer hat zwar noch nie an der Deutschen Oper gearbeitet (sein Berlin-Debüt gab er im Januar 2008 mit einem „Maskenball“ Unter den Linden), lebt aber in der Hauptstadt und hat einen exzellenten Ruf in der Szene. Dass der feinsinnige, sensible Künstler allerdings bei den drängenden Alltagsproblemen des Hauses pragmatisch mit anpacken wird, vermag man sich kaum vorzustellen.

Was auf dem Papier wie ein Triumvirat aussieht, würde de facto also darauf hinauslaufen, dass Donald Runnicles in der Bismarckstraße das Sagen hat, ebenso wie sein alter Freund Daniel Barenboim Unter den Linden. Beide Maestri aber haben ein Problem: ihre vollen Terminkalender. Gleichzeitig mit seinem Berliner Engagement tritt Runnicles im September auch seinen Job als chief conductor beim BBS Scottish Symphony Orchestra an, er arbeitet weiter als principal guest conductor des Atlanta Symphony Orchestra und will auch den Kontakt zur San Francisco Opera nicht abreißen lassen, die er seit 1992 geleitet hat. Zwei Premieren und insgesamt 40 Abende soll er laut Vertrag an der Deutschen Oper dirigieren, in der kommenden Spielzeit aber wird es noch deutlich weniger sein.

Runnicles braucht eher einen alten Haudegen an seiner Seite als einen Hoffnungsträger – weil er sich um die tägliche Lobby-Arbeit im Berliner Kultur-Haifischbecken kaum wird kümmern können. Der Berliner Politik dürfte bald klarwerden, dass sie Jürgen Flimm am falschen Haus installiert hat. Die Staatsoper hat mit Daniel Barenboim bereits einen Chef, dem zuliebe die ganz großen Stars gerne in Berlin gastieren. Als Generalintendant der Deutschen Oper hätte der virtuose Networker Flimm dagegen viel Gutes tun können.

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