Nachruf : Hildegard Behrens: Gipfelstürmerin

Gepackt von der Macht der Musik: Zum Tod der Sopranistin Hildegard Behrens.

Frederik Hanssen
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Hildegard Behrens.Foto: dpa

Sie wollte weg, unbedingt, weg von der Großfamilie, weg aus Varel in Friesland. Und weil ihr nichts besseres einfiel, schrieb sich Hildegard Behrens für ein Jura-Studium ein, in Freiburg, ganz am anderen Ende der Republik. Bereits in ihrem ersten Semester aber trat sie dort in den Bach-Chor ein – und wurde gepackt von der Macht der Musik. Bei den Rechtswissenschaftlern sah man sie fortan nur noch so oft wie nötig, an der Musikhochschule so oft wie möglich. Kaum hatte die 26-Jährige das Erste Staatsexamen in der Tasche, startete sie ihr zweites, echtes Leben, in der Gesangsklasse von Ines Leuwen.

Dann geht alles ganz schnell: Erstes Engagement 1973 in Düsseldorf, dort kommt zufällig Herbert von Karajan in eine Probe, nimmt sie sofort als „Salome“ unter Vertrag, für die Salzburger Festspiele 1977 einschließlich Schallplattenaufnahme. Ein Riesenerfolg. Bald treffen Einladungen von der New Yorker Met, aus Paris, Zürich und München ein. 1983 dann das Debüt in Bayreuth, als Brünnhilde in Peter Halls naturalistischem „Ring“, im ersten Jahr unter George Solti, dann unter Peter Schneider. Das Publikum ist hingerissen von Hildegard Behrens’ schauspielerischer Intensität, ihrer Bühnenpräsenz. Nur die Stimm-Puristen wenden sich mit Grausen, bemängeln Register-Brüche, schlechte Textverständlichkeit, sprechen von „beträchtlichen vokalen Grenzen“ (Jürgen Kesting).

„Ich finde jeden Ton schön, der wahrhaftig ist, ganz egal, ob er schön klingt oder nicht“, verteidigt die Sopranistin ihren hemmungslosen Einsatz auf der Bühne. Rein physisch kann sie sich bei ihrer allabendlichen tour de force auf die Kondition verlassen, die sie sich als sportbegeisterte Jugendliche antrainiert hat. Die Regisseure wissen ihre schlanke Silhouette sowieso zu schätzen. Optisch unvergesslich: Behrens im Ganzkörper-Lederanzug als Brünnhilde in Götz Friedrichs legendärem „Ring“ an der Deutschen Oper.

Angst vor einer Partie kennt Hildegard Behrens nicht, sie singt alles, von Mozart über Janacek und Strauss bis Alban Berg, Beethovens „Fidelio“ natürlich und „Turandot“, aber auch „Tosca“ und die „Freischütz“-Agathe. Noch 1999 hebt sie bei den Salzburger Festspielen Luciano Berios Oper „Cronaca del Luogo“ mit aus der Taufe.

Maria Callas zählt neben Birgit Nilsson zu ihren Vorbildern, wie die Callas stürzt sie sich rückhaltlos in jede neue Rolle: „Meinem Temperament entspricht das Aggressive, ich schone mich nie“, erklärt sie stolz. „Je mehr ich mich in einer Rolle verausgabe, desto mehr Kraft kommt mir nach. Ich bin wie eine Flamme: Die saugt sich beim Brennen auch immer neuen Sauerstoff an.“

Am Dienstag ist die Flamme der Hildegard Behrens nun unerwartet erloschen: In einem Krankenhaus in Tokio ist sie im Alter von 72 Jahren einem Aneurysma erlegen. Am Donnerstag hätte sie eigentlich in Kusatsu nahe der japanischen Hauptstadt auftreten sollen, beim dortigen Sommerfestival. Wegen plötzlichen Unwohlseins aber musste sie eine Klinik aufsuchen, in der sie dann verstarb. 

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