Nachtflug : "Oben in der Kiffer-Loge – irgendwelche Wünsche?"

Der Nachtpilot geht wieder an den Start: Für Tagesspiegel.de belebt Thomas Lackmann seine Kolumne über das nächtliche Berliner Kulturleben neu. Diesmal: Vom Kleinen Tiergarten über den Festungsgraben zum Pariser Platz.

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Foto: Thilo Rückeis

Als der Nachtpilot an diesem frühen Abend in Berlins kleinste Straße einbiegt, muss er aufpassen, die Moabiter Heilandskirche am Rande des schmuddeligen Kleinen Tiergartens nicht zu verpassen. Ihre winzige Adresse im Herzen des migrationshintergründigen Quartiers heißt Thusnelda-Allee. Der Name erschließt sich freilich in voller Skurrilität erst Kennern der Kleistschen „Hermannsschlacht“ : wo die Cherusker-Fürstin Thuschen an der Seite des Guerilla-Führers Arminius auftritt. In der neugotischen Heilandskirche, deren Altarrelief Kain und Abel, Isaaks Opferung und den Auszug aus Ägypten zeigt, ist von solcher patriotischen Fallhöhe keine komische Spur mehr zu erkennen. DenTitel der ausgelegten Gemeindezeitung schmückt ein Spruch Dietrich Bonhoeffers: „In mir ist finster, aber bei dir ist Licht.“ Im dämmerigen Kirchenschiff warten Kiezbewohner, Verwandte und Schüler des Musikanten sowie Quax, der als Beiflieger dem Piloten einen Platz freihält, in vorderen Bankreihen auf den vietnamesischen Gitarrero. Hung Nguyen-Duc tritt hoch konzentriert vor den Altar und die Osterkerze, setzt sich auf den Stuhl, stimmt seine Klampfe. Eine Sonate von Bach, zart und traurig. Draußen rauscht Samstagabendverkehr. Drinnen zupft sich der UdK-Student durch die Kulturen. Durch die Jahrhunderte. Eine gehetzte und doch lässig dahinperlende Fuge. Variationen Marco Giulianos über Rossini-Opern, von „Otello“ bis zur „Diebischen Elster“: venezianisch pittoresk, gravitätisch und dramatisch. Mit Benjamin Brittens „Nocturnal“ dreht sich die Zeitmaschine noch einmal weiter, hinein in die Spannung zwischen Form und Gefühl. „Sehr aufgeregt“ heißen die Minitauren. „Ruhelos“. „Marschähnlich“. „Dreaming“ – ein schwebendes Stück mit offenem Flageolett-Ende. Die „Passacaglia“ schließlich schlägt aus dem 20. Jahrhundert große Bögen zum Thema eines Renaissance-Liedes. Wir lauschen ganz beruhigt. Die Stadt des 21. Jahrhunderts, vor der Tür, hat sich verflüchtigt. Quax nickt: Aufbruch. Südwestwärts, nach Mitte.

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Den Kurs zum Maxim-Gorki-Theater, neben den Linden, hat der Beiflieger dem Piloten angetragen. In dem klassizistischen Theater am Festungsgraben, einem prächtigen Schuhkartonsaal mit Goldrand, tritt ein Kult-Entertainer auf. Unter einer gewaltigen Glitzerkugel verbreiten Schalensessel coole Bühnen-Gemütlichkeit. Fünf Musiker, eine Sängerin. Im Saal: junge, witzige Typen und solche, die es sein wollen. Gefühlte Prenzlberg-Präsenz und Schwarze-Klamotten-Quote: relativ hoch. Viele junge Frauen tragen Nuckelflaschen, gegens Dehydrieren. Die Conference Rainald Grebes, der mit Gorki-Schauspielern unter dem Titel „Zurück zur Natur“ sein „Konzert für Städtebewohner“ zelebriert, verrührt Selbst-Ironie, satirische Publikumsanspitzung und gebrochene Neoromantik: „Oben in der Kiffer-Loge – irgendwelche Wünsche?“ Hier darf sich jeder erkennen und das eigene Milieu begackern und alle, die vielleicht noch mehr Scheuklappen haben als man selbst. Der „Ausweg aus der Spaßgesellschaft“ wird persifliert, Pointen und Kalauer („Im Tipi, im Tipi, da macht der Wowi Pipi“) zischen nach allen Richtungen, bis ins Outback der Blackberry-empfangsfreien Dorf-Boheme: „Robert lebt in einem Zirkuswagen in der Uckermarck … Paul hat sich einen Lehmofen gebaut … Der Schellack-DJ wechselt seinen Namen, er war mal Burn-Out-Patient.“ Der urbane Narzissmus kreativer Karrieristen ist für zahlreiche Lacher gut: „Vom Himmel fällt Holzspielzeug und ein Satz Faber Castell / Die Menschen sehen alle gleich aus / irgendwie individuell“. Quax und der Pilot schauen sich an. Hier fühlt sich jeder verstanden. Hier ist, vor dem sarkastischen Biß und danach, sogar ein Quentchen echte Sehnsucht erlaubt. „Eigentlich bin ich nur hier, weil der Himmel so schön ist,“ singen die Zivilisations-Flüchter, Erlösungs-affin, unterm Brandenburger Sternenzelt. „Früher gab es Pop-Stars, wo sind die heute? Begrabt mein Herz im Copy-Shop und werft es unter die Leute.“ Nachtpilot und Beiflieger trollen sich zurück zur Rollbahn Unter den Linden; der Sprung zum Pariser Platz ist nicht länger als die Distanz von einem Terminal zum anderen.

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Auf dem West-Sprint zwischen Festungsgraben und Brandenburger Tor kommt dem Nachtpiloten, der von der Bodenstation verpflichtet wurde, nie mehr ohne Copilot ins Cockpit zu steigen, sein Beiflieger abhanden, quer über den Boulevard in den Feierabend. Schon scheint der Höhepunkt des Abends mit dem intellektuellen Feuerwerk der Grebe-Show überschritten: Da steht der Pilot am Pariser Platz vor einem gewaltigen weißen Ballon, der für Filmaufnahmen eines Fernshteams Reflektionshelligkeit erzeugt. Polizei und Feuerwehr sperren das Terrain so weiträumig ab, dass alles nach Katastrophe aussieht. Auf weiträumigen Absperrungs-Umwegen gelangt der Pilot in die Akademie der Künste, wo im 2. Stock just ein sonorer Otto Sander seine Georg Grosz-Lesung beendet. „So long, Dein treuer Böff“ heißt das Programm. Die mit krausen Amerikanismen gesprenkelten Brieftexte hat der Künstler aus „Südende bei Neu York“ verschickt. „Ich liebe Slapstick-Gespräche“, bekennt der Emigrant; anhaltender Applaus im gutsituierten Akademiker-Publikum. Die Bar im vierten Stock erreicht man per Wendeltreppe. Zum chill out laden dort schwarze Ledergarnituren ein. Der Pilot tritt durch die offene Glasschiebetür auf eine Dachterrasse mit pathetischem Pamorama, wie auch Rezitator Sander, welcher – so ist Besucher-Kommentaren zu entnehmen – im Grunde ja alles lesen kann, es kommt gut an. Von hier oben sieht der staunende Pilot: den gleißend hellen Ballon der Filmleute; jede Menge Kunstschnee, der – dem nahenden Frühling zum Trotz – für den Dreh ausgebreitet wurde; ein von herabfallenden Gebäudebrocken zertrümmertes Auto, als Kulisse einer apokalyptischen Szene; in der Bank gegenüber andere Zaungäste am Fenster; wehende deutsche Fahnen, Reichtagskuppel, Quadriga; die leuchtende Kanzler-Waschmaschine, Haus Merkel; den Turm der Charité. Über dem Set dröhnt leise die nahe ferne Metropole. Terassenbesucher knipsen. Otto Sander raucht. Ein Mietkran rührt sich langsam. Eine Grüne Minna rollt. „Den ganzen Tag ist gedreht worden, für ein paar Filmminuten“ sagen Mitarbeiter der Akademie, denen es leid tut, daß ihre Gute Stube unauffhörlich für dies und das vermietet und vollgeramscht wird. Es klingt, als müsse man es beschützen, das gute alte Tor samt seinen Bildern von Göttern des Krieges, des Sieges und des Friedens. Es sei doch so feingliedrig und unmonumental mit seinen barocken Proportionen, sagen die Mitarbeiter. Eigentlich habe man als Denkmal der Einheit längst dies schöne Brandenburger Tor. Schade, denkt der Pilot, dass Quax sich davongemacht hat, so grandios kann Berlin sein, wo man`s nur lässt. Heimflug.

Thomas Lackmann Heilandskirche, Thusneldaallee 1, www.kgmoabit-west.de ; Maxim-Gorki-Theater, Am Festungsgraben 2, www.gorki.de; Akademie der Künste, Pariser Platz 4, www.adk.de

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