Nachtflug : Urknall vollbracht: Ein Schöpfungs-Trip

Der Nachtpilot geht wieder an den Start: Für Tagesspiegel.de belebt Thomas Lackmann seine Kolumne über das nächtliche Berliner Kulturleben neu. Diesmal: Vom Berliner Dom über die Schwartzsche Villa hinein ins Chamäleon.

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Nachtflug
Neue Online-Kolumne Nachtflug:: Thomas Lackmanns Expeditionen durch die Berliner Nacht. -Foto: Thilo Rückeis

Als der Nachtpilot – noch solo, ganz unbegleitet, quasi zölibatär – an diesem frühen Abend vor Kaiser Wilhelms spätbarockem „Petersdom des Nordens“ niedergeht, von dem Leute sagen, er sei so missglückt, dasss man lieber den Republikpalast hätte stehen lassen und St. Hässlich abreißen sollen:  An der Pforte des Berliner Doms spielen sich Dramen ab. Vor der Kasse stapeln sich Freunde der Matthäus-Passion, voller Last-Minute-Hoffnung. Eine verzweifelte Dame abseits der Warteschlange schildert dem Personal, dass sie irgendwo gelesen habe „Eintritt frei“, weshalb man sie kaum aussperren dürfe. Tatsächlich platzt das Riesenhaus aus allen Nähten, sodass der Pilot beglückt seinen Logenplatz besetzt, zwischen Rucksack-Touristen und zahlreichen Besuchern, die wohl nicht alle Tage einem Dom samt Oratorium nahetreten und ernsthaft lauschenden Kindern. Über der Apsis, in der sich – Erwachsene schwarzgekleidet, engelsweiß der Mädchenchor – die Protagonisten formieren, prangt zwischen Goldstuck der Spruch „Lasst euch versöhnen mit Gott“. Hinter einer bunten Kreuzigungsszene im Fenster des Altarraums: Abendlicht.  „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen …“ beginnt die Domkantorei. Was schwer zu verstehen, besser nachzulesen ist. Dass die verhandelte Geschichte und ihre musikalische Form fernen Epochen entstammen, stößt unbeabsichtigt auf den Effekt der Distanz und der Akustiksuppe. Dabei klingen Fragmente des Plots, wie sie in der Loge ankommen, spannend. Priester versammeln sich, um einen Mann zu töten. Ein anderer fragt, was er bekommt, um den Mann zu verraten. Hoch in den Lüften, am Rand der zentralen Kuppel, blicken mit steinerner Mine die Statuen der Reformatoren Luther, Melanchton, Zwingli und Calvin auf das gesungene Drama herab. Das Licht hinterm bunten Fenster der Hinrichtung dämmert weg. Die Freunde des Mannes suchen ein Lokal, um Essen zu gehen. Der Mann sagt bei Tisch, ein Freund werde ihn verraten. Der Pilot muss leider immer wieder husten. Das ging den ganzen Winter; jetzt, wo es Frühling wird und im Konzert stört es sehr. Die Freunde sind entsetzt, und selbst jener, der den Mann ans Messer liefern will, fragt: Bin ich’s, Rabbi? Zwischendurch singt der Chor Lieder, die von Streichern und Bläsern mit samtener, quäkender Traurigkeit begleitet werden, über Reue und Schmerz. Nach dem Essen gehen die Freunde über einen Bach in einen Park. Der Mann schwitzt vor Angst. Der Pilot hustet. Beim Blick hoch in die Kuppel sieht er über den kalkweißen Reformatoren eine bunte Madonna, umgeben von Lilien, attackiert von einer Schange. Über den Seiten-Apsen blinken goldglänzende Mosaike, wie in einer antiken Basilika. Der Mann wirft den Freunden ihre Müdigkeit vor. „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“ Der Chor singt eine fröhliche Melodie: „Was mein Gott will, das gscheh allzeit.“ Milizionäre dringen in den Park, der Verräter-Freund küsst den Mann, einem niederen Chargen wird im Gemenge das Ohr abgehauen. Der Mann untersagt Waffeneinsatz, schließlich könne ihm sein eigener Vater zwölf (!) Hilfs-Legionen Engel schicken. Die passten nicht mal in den Berliner Dom; vielleicht in den Palast der Republik, die Chance ist vertan. „Da verließen ihn alle Jünger und flohen,“ singt der Erzähler. Es folgt süße Musik, lieblich wie das Pastorale im Weihnachts-Oratorium. Das Hinrichtungs-Fenster ist pechschwarz. Der hustende Pilot schleicht aus der Bank. Vor der Logentür betrachtet ein braungelockter, spätbarocker Hippie-Engel in Jeansjacke das Papp-Modell des Doms, der so viele unnötig abgerissene Vorgängerbauten hatte und immer noch drauf wartet, vollkommen zu werden. Sound-Fetzen flattern aus dem sakralen Bezirk über den Lustgarten, zur Humboldt-Box, an den dunkelblauen Abendhimmel. Südwestflug, nach Steglitz.

Berliner Dom, Am Lustgarten 2, www.berliner-dom.de

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Bei der Landung an der Grunewaldstraße stößt der Pilot auf Quax, den Beiflieger, der eine Flugbegleiterin, die despektierliche Menschen als Saftschubse bezeichnen, im Schlepptau hat. Für Despektierlichkeit ist die Schwartzsche Villa der falsche Ort. Karten zur Lesung „Jugend ohne Gott“ hat der Pilot nur erhalten, nachdem ihm die Rezitatorin zähneknirschend welche reserviert hatte; nicht ohne Entsetzen zu äußern über sein Bekenntnis, vor Ende der Veranstaltung eventuell zu verschwinden. „Es geht um einen der größten Romane, die je geschrieben wurden!“ hatte sie geschimpft, „ um Ödön von Horvath!“ Also: Canossa-Plätze in der hintersten Büßer-Reihe. Der Große Salon ist hellblau gestrichen. Weiße Vorhänge. Grauhaarige, dauergewellte, am Haupthaar gelichtete Steglitzer Bürger füllen alle Plätze, um Eva Manhardt zu hören. Ihr Pianist, schwarzes Hemd, braunes Jackett,  intoniert „Peer Gynt“. Die Schauspielerin,  rötester Haarschopf der Saison, sagt Lexikalisches zum großen Horvath und seinem „mystischen Tod“, ausgelöst 1938 durch einen fallenden Ast auf den Champs Elysees. Böse Erwartungen (Kultur! muss ! weh ! tun!) erfüllen sich keineswegs. Die Liebe der Verehrerin zum Sujet überträgt sich. Das Publikum gluckst gern bei jedem Scherz. Der Held des Romans „Jugend ohne Gott“, hat die Horvath-Verehrerin angekündigt, sei ein Opportunist. Der Pilot würde bei diesem Romantitel gern den Witz „Backen ohne Mehl“ beisteuern. Aber Quax hört zu, was da gelesen wird. Der Opportunist ist Lehrer von Beruf und steht fassungslos vor Jungen, die einen Mitschüler verprügeln, ohne dass einer der Beteiligten, nicht mal das Opfer, die Situation als Unrecht versteht. „Was wird das für eine Generation, eine harte oder nur eine rohe?“ fragt der schwache Held. „Alles Denken ist ihnen verhasst. Sie pfeifen auf den Menschen.“  Dicke Luft. Eva Manhardt, neben der ein hohes Teeglas steht, zieht das Auditorium, sogar den skeptischen Piloten samt Crew, in ihren Horvath-Sog. „Als ich das Kino verlasse, gehe ich nicht nach Hause,“ sagt der Opportunist. „Ich fürchte mich vor meinem Zimmer.“ Bei Tage streitet er mit dem Vater eines Schülers über Menschenwürde und Kolonialismus. „Sie werden sich nicht auf den lieben Gott herausreden,“ sagt der Vater. Dann flieht der Opportunist, der auf uns noch wie ein Widerstandskämpfer wirkt  („Ich halte nichts mehr von Europa. Meine Welt ist zusammengestürzt“), in die Einsamkeit. Trauermarsch der „Eroica“. Quax erkennt, dass die Rezitatorin einen Papierstapel, dreifach mit Farben markiert, neben sich liegen hat. Ihr Programm ist das Produkt leidenschaftlicher Vorbereitung. „Während ich das lese, höre ich draußen das Meer,“ schreibt der Opportunist. In die Pause gibt Eva Manhardt den Gästen Horvaths berühmten Achtzeiler mitgegeben, der auf einem Zettel in seiner Jacke gefunden wurde: „Und die Leute werden sagen / In fernen blauen Tagen …“ Die Flugbegleiterin muss sich losreißen. Vor der Tür raucht eine fesche Dame in Pailletten. „Was echt ist, das soll kommen – obwohl es heut krepiert.“ Visavis der Villa steht ein Einkaufs-Center mit dem Namen „Das Schloss“. Auf die Idee, eine Mall „Palast der Republik“ zu nennen, käme in Steglitz niemand. Augen zu, durchstarten, nach Mitte.

Schwartzsche Villa, Grunewaldstr. 55, www.schwartzsche-villa.de

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Kurs Nordost: Punktlandung Rosenthaler Straße. Saturday Night- Flaneure in den Hackeschen Höfen. Im Chamäleon hocken jugendliche und reife Mitternachtsmenschen, aus Ost und West,  an Tischen rund ums Bühnenquadrat. Der Pilot bestellt Vorspeisen. Quax probt den Aufstand: Er wolle nicht nur Stichwortgeber sein, sagt er, zumindest eine Qualitäts-Diskussion führen. Der Pilot hat nun mal das Sagen, stichelt die Flugbegleiterin. Der Beiflieger erinnert an vergangene Chamäleon-Programme mit originellen Grundideen, die in der Duchführung verläpperten. Über den Köpfen der Crew, an der historischen Decke, steckt wüstes Gestänge für Lampen und Züge. An den Füßen aufgehängt, stapfen junge Jeans-Damen kopfüber  ins Zentrum des Geschehens. „Versus“ heißt das Programm. Junge Jeans-Männer werfen sehnsuchtsvolle Blicke. An einem Tisch amüsiert sich Ex-Minister Tiefensee. Das Spektakel ist handwerklich eindrucksvoll, ästhetisch, poetisch, hintergründig. Männerquartett balgt und hüpft ebenerdig; Frauenquartett lockt und räkelt sich luftwärts. Durch subtile Popmusik und ein Team der Persönlichkeiten aus Kanada, Deutschland, Frankreich, den USA verjüngt sich das gute alte Varieté. Verliebte Rettungsaktionen für trudelnde Grazien. Innige Umarmungen. Quax traktiert sein Handy; nimmt frei für ein Rendevouz. Flugbegleiterin muss sich von dem schönen Schauspiel wieder losreißen; Babysitter ruft. Der Pilot bestaunt die Koitusakrobatik jenseits der Schwerkraft. Zirkus & Tanztheater, Mann & Frau, Ost & West: wiedervereint. Mit blauen Schals durch den Äther fliegend, binden sich die acht Teilchenbeschleuniger aneinander,  konstruieren schwebend ihr Molekül-Gerüst der Leidenschaft. Erster Schöpfungstag: Urknall vollbracht. Westflug, nachhaus.

Chamäleon, Rosenthaler Str. 40/41, www.chamaeleonberlin.de

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