Oper : Auf in den Krampf, Torero!

Von wegen Denkmalschutz: Die Deutsche Oper Berlin reanimiert ihre klassische Inszenierung von Bizets "Carmen".

Frederik Hanssen
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Die Freiheit, die ich meine. Angelika Kirchschlager als Carmen. Foto: stage-picture

Wer in den letzten drei Jahrzehnten regelmäßig in Berlin in die Oper gegangen ist, hat seine privaten Erinnerungen an diese „Carmen“. Zum Beispiel an Agnes Baltsa, wie sie im zweiten Akt auf den Kneipentisch springt, eine Flasche zerschlägt und die Scherben als Kastagnetten einsetzt. Seit 1979 ist Peter Beauvais’ Inszenierung in der Deutschen Oper zu sehen, ein Klassiker, der viel über das Wesen des deutschen Repertoiretheaters erzählt. Je größer die Opernhäuser, desto länger halten sich hierzulande beliebte Regiearbeiten auf dem Spielplan. Die Liste der Namen, die sich auf den Etiketten der alten Kostüme findet, liest sich wie ein Who Is Who des Klassik-Business – von der ursprünglichen Personenführung indes ist meist nichts mehr zu sehen, weil die Sänger, die im Bühnenalltag „durchgeschleust“ werden, ihre Rollen im Zweifelsfalle doch so abliefern, wie sie es überall sonst auf der Welt tun.

Darum sind Intendanten stets bestrebt, die wichtigsten Werke des Repertoires in ihrer Amtszeit neu herauszubringen. Die vom langjährigen Deutsche- Opern-General Götz Friedrich überkommenen Deutungen von „Aida“, „Tannhäuser“, „Turandot“ oder dem „Freischütz“ hat Kisten Harms schon ersetzt, mit wechselnder Fortune. Nun stand die „Carmen“ an – doch Regisseur Jürgen Gosch musste krankheitsbedingt kurzfristig absagen. Also beschloss man, die 1979er-Version weiterzuspielen, zur Freude aller Freunde dieser durch und durch konventionellen Inszenierung.

Wenn sich der Vorhang öffnet, sieht man nun also weiterhin Spanien. Keine Wüste, wie bei der „Carmen“, die Martin Kusej an der Staatsoper in den Sand gesetzt hat, keinen Berliner Hinterhof wie in Harry Kupfers Kompaktversion an der Komischen Oper, nein, einfach andalusische Architektur, historische Fassaden mit regionaltypischem Zierat, ja sogar Büsche und Blattwerk, alles naturrealistisch ausgeleuchtet. Pierluigi Samaritani sind auch die folkloristischen Kostüme zu verdanken, alles absolut authentisch und mit der Sensibilität eines Landschaftsmalers erfunden.

Der unschätzbare Vorteil des wiedererkennbaren Ambientes liegt darin, dass der Zuschauer auch Zuhörer sein kann, weil er nicht seine ganze Aufmerksamkeit darauf verwenden muss, die vom Regieteam konstruierte Bildsprache zu dechiffrieren. Ganz Ohr zu sein lohnt sich in der Tat, denn dem französischen Dirigenten Yves Abel gelingt hier ein Plädoyer für die Schönheiten der opéra comique. Was man von „Carmen“ kennt, sind die „rassigen“ Nummern, der Torero-Kracher, die spanischen Tanzrhythmen. Doch Georges Bizet ist auch ein Meister des duftigen Divertissements, des feinen Parlando, des lichten Orchestersatzes. Abel macht das Schmuggler-Quintett zum Herzstück der Oper, als Symbiose der italienischen Buffo-Tradition mit dem französischen Esprit, ein Kabinettstückchen lässiger Eleganz, das der dramatischen Handlung erst ihre Fallhöhe gibt.

Ebenso intensiv wie mit den Musikern hat Yves Abel auch mit den Sängern gearbeitet. Gesungen wird ein klares, textverständliches Französisch, selbst der zu sentimentalen Schluchzern neigende Massimo Giordano nimmt seinen prachtvollen Tenor in der Blumen-Arie angenehm zurück, setzt den Spitzenton sogar mit der Kopfstimme. Der bullige Escamillo von Raymond Aceto lässt durchaus auch mal seine sensible Seite aufblitzen, Anna Fleischers Glockensopran passt bestens für die Frasquita, Michaela Kaune wird für ihre innige Michaela gefeiert.

In den Schlussapplaus mischt sich auch viel Dankbarkeit für den Mut der Intendantin, an dieser Uraltinszenierung festzuhalten. Wer allerdings etwa in die Tagesspiegel-Rezension vom 13. Mai 1979 schaut und das Gesehene mit dem vergleicht, was Sybill Mahlke damals von der Premiere berichtete, der ärgert sich doch. „Überarbeitete Wiederaufnahme“ heißt in diesem Fall offenbar, dass genau jene Aspekte eliminiert sind, die Beauvais’ Inszenierung einst sehenswert gemacht haben müssen. „Unendlich traurig“ war einst das Ende der Liebesszene, wenn José seinen Kopf in Carmens Schoß legt, sie das Gesicht abwendet, weil beide wissen, dass sie nicht zusammenbleiben können; tragisch das Ende, wenn sie sich in sein Messer stürzt, um die gegenseitige Quälerei zu beenden, sie ihn aber doch noch einmal liebkost, bevor sie zusammenbricht. Nichts davon hat Sören Schumacher, der Oberspielleiter des Hauses, übrig gelassen – aber auch nichts Eigenes hinzugefügt. Die Paarbeziehung spult sich nun genauso langweilig ab wie die Massenszenen, in denen sich ein ratloser Chor im rhythmischen Stehen übt.

Für dieses müde, fade Routine-Theater braucht man keine Persönlichkeit wie Angelika Kirchschlager. Die Carmen-Debütantin vom Sonntag ist eine faszinierende Darstellerin, die ihre Kraft ganz aus dem Inneren ihres zierlichen Körpers entwickelt, die stimmlich an Grenzen geht, um eine glaubwürdige Freiheitskämpferin gestalten zu können. Sie hätte mehr verdient als einen Regisseur, der sein Handwerk nicht ausreichend beherrscht.

Wieder am 12., 17., 21. und 25. März. >> Deutsche Oper – Tickets hier sichern!

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