Oper : Lichterloh: Ein Leben für die Kunst

Anna Prohaska brennt für die Oper: Wie die 25-jährige Sopranistin zum Bühnenstar avanciert und nebenbei zum Publikumsliebling wird.

Jörg Königsdorf
anna prohaska Foto: Ruth Walz
Mein lieber Oscar. Anna Prohaska im "Maskenball" an der Staatsoper. -Foto: Ruth Walz

Es war ein gutes Jahr für Anna Prohaska. So gut war 2008 sogar, dass man sich schon fast wieder Sorgen machen muss. Eine kleine Aufzählung: ihr Oscar in Verdis "Maskenball" an der Staatsoper, bei dem sie den Hauptdarstellern glatt die Schau stahl; der Auftritt bei Rattles Beethoven/Webern-Zyklus in der Philharmonie; schließlich ihr Debüt bei den Salzburger Festspielen in Dvoraks "Rusalka" – Erfolge, die einer 25-Jährigen schnell zu Kopf steigen können. Als müsste es immer so weitergehen, spielt sie als Nächstes Blonde in Michael Thalheimers Neuinszenierung von Mozarts "Entführung", dann vielleicht die Susanna im "Figaro" oder Händels Cleopatra. Und irgendwann natürlich auch, gewiss, Bergs "Lulu", die große Traumrolle am Horizont.

"Herausforderung" ist das Wort, das Anna Prohaska immer wieder benutzt, wenn es um ihre Zukunft geht, um Träume wie um konkrete Projekte. Sie sagt, was normalerweise nach den Moll- Tonarten von Zweifel und Scheitern klingt, gewissermaßen in strahlendem C-Dur. Mit einem begeisterten Leuchten in den Augen und einer Vorfreude in der Stimme, als gälte es, einen Schatz zu heben oder ein neues Abenteuer zu bestehen. Und als wisse sie schon, dass auch dieses Abenteuer ebenso gut ausgehen wird wie alle bisherigen. "Die Partie", sagt sie über den jungen Hirten im "Tannhäuser", sei "superheikel, weil man a cappella, ganz allein, einsetzen muss. Aber dafür kann man auch super absahnen, obwohl man nur einen kurzen Auftritt hat."

Als Nachwuchstalent im Ensemble der Staatsoper muss sie die Rollen nehmen, die ihr Bühnenerfahrung geben. Aber sie weiß auch, Effekte zu setzen. Als Modistin im "Rosenkavalier", als Knappe im "Parsifal", als Page im "Don Carlo" habe man eben keine Zeit, sich auf der Bühne erst mal einzusingen, sondern müsse auf Knopfdruck da sein – wie bei einer der extrem verknappten Liedminiaturen Anton Weberns, mit denen sie ihr Philharmoniker-Debüt im letzten April gegeben hat und deren Wirkung schon beim kleinsten Fehler zum Teufel ist.

Dass Prohaska auf der Bühne dieses unbeirrbare Vertrauen zu sich selbst ausstrahlt, ist sicher ein Grund für ihren Erfolg beim Publikum, das ihr gerade den Daphne-Preis der Berliner Theatergemeinde als Nachwuchskünstlerin des Jahres zuerkannt hat. Denn die Herzen erobert man nicht allein mit einer guten Figur, die sie zweifellos besitzt, auch nicht nur Dank eines ausgehaltenen hohen f’s, sondern durch jenes Feuer, das nie so lichterloh und knisternd brennt wie in den ersten Jahren einer Bühnenlaufbahn.

So viel Zuversicht hat jemand nur, wenn Singen und das Auf-der-Bühne-Stehen für ihn nie etwas Fremdes gewesen sind. Der Großvater Dirigent, der Vater Opernregisseur, der ältere Bruder Operettentenor – wer in eine solche Familie hineingeboren wird, singt quasi von allein, sobald er den Mund aufmacht. Bald kommen die ersten Soli im Schulchor, und in Berlin, wo Familie Prohaska von Annas zwölftem Lebensjahr an residiert, wittert ein Freund der Familie, der Dirigent Eberhard Kloke, schnell das Talent im Teenagerstimmchen. "Kloke hat mich dann privat unterrichtet, umsonst, aber nur unter der Bedingung, dass ich jedes Mal gut vorbereitet zu ihm komme. Das war ein viel stärkerer Druck, als wenn ich die Stunden hätte bezahlen müssen", erzählt sie. Eine pädagogisch offenbar ausgesprochen erfolgreiche Methode: Schon mit 15 singt Anna Prohaska bei privaten Liedersoireen Zyklen von Mussorgski und hat mit 17 ihr Operndebüt.

Diese Prägungen wirken bis heute nach, vielleicht gerade weil Anna Prohaska so selbstverständlich mit und an ihnen gewachsen ist: Kloke, sagt sie, habe ihr gezeigt, dass es neben Oper auch andere Musik, Lied und vor allem Moderne, gebe, durch Kupfer wurde sie für das Regietheater gewonnen. Mit ihrer Bereitschaft, sich aktiv in Inszenierungen einzubringen, steht Prohaska zugleich für eine Sängergeneration, die die schauspielerische Leistung als integralen Bestandteil ihres Berufs begreift. Für Oscar im "Maskenball", erklärt sie, habe Regisseur Jossi Wieler die meisten ihrer Ideen akzeptiert, und für ihre Blonde in Michael Thalheimers Inszenierung der "Entführung" habe sie auch schon etwas im Sinn: "Das muss gar nicht so kammerkätzchenhaft klingen, sondern darf auch gerne mal frech hingerotzt werden." In Berlin sowieso.

Tatsächlich scheint auch Prohaskas schlanker, leuchtender Sopran, der so agil die Tonleitern rauf- und runterklettert, sich neugierig hoch in den dreigestrichenen Bereich wagt und furchtlos wieder herunterstürzt, genau diese Unbekümmertheit zu verströmen: Eine Stimme, vor der eine ganze Welt von Entdeckungen liegt, die zwar noch nicht die Farben tiefer Enttäuschung kennt, aber gerade deshalb den Zauber der Unschuld, die ungebrochene Kraft des Staunens über das Leben besitzt.

Um sich an dunklere Stimmungen heranzutasten, bleibt ihr schließlich noch das Lied, wo sich verschattetere Seelenregionen behutsam, ohne den Hochdruck der Opernbühne, erforschen lassen. Eine Aufgabe, die Prohaska jetzt unter dem Motto "Glaube und Ekstase" im Apollo- saal der Staatsoper angeht. Das Recital mit Werken von Purcell und Schubert, Webern und Barber ist übrigens nicht nur ihr erstes abendfüllendes Liederkonzert überhaupt, sondern auch ihre Prüfung für das Diplom an der Eisler-Hochschule. Eine Herausforderung, sagt sie. Und sieht dabei wie der glücklichste Mensch der Welt aus.

Liederabend Anna Prohaska, Staatsoper, Apollosaal, am Dienstag, 17.03., 20 Uhr.

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