Oper : Unter Sonnenölgötzen

„Ring“ frei in Hannover: Barrie Kosky inszeniert „Das Rheingold“

Jörg Königsdorf
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Darum ist es am Rhein so schön. Stefan Adam als Alberich. Foto: Stage-Picture/ Jauk

So viele Töchter hatte der Rhein noch nie: Wo Richard Wagner sich in seinem „Rheingold“ mit drei Nixen begnügte, reicht die Zeugungskraft des deutschen Urstroms knapp 150 Jahre später für eine ganze Girlreihe. Mit knappen Korsagen und Straußenferfächern sorgen die Mädels für einen spektakulären Auftakt zum neuen „Ring des Nibelungen“ an Hannovers Staatsoper. Der Fluss als Revuetheater – nicht anders als zuletzt bei seinem Berliner „Rigoletto“ startet Barrie Kosky auch diesmal wieder mit einem Überraschungscoup, und hier wie dort hat er sich von der Sphäre des Varietés inspirieren lassen.

Der Australier, der ab 2012 die Komische Oper leiten wird, entwickelt sich langsam zum Paillettenmann des deutschen Regietheaters, und tatsächlich taugt die Unterhaltungsmaschinerie der Revue oft erstaunlich gut als Kontrastfolie zu den einfachen, großen Gefühlen der Oper. Zumindest, wenn man dabei so genau zu Werke geht wie Kosky, der seine Rheingirls nicht nur in einer strengen Choreografie den Wellenschlägen der Partitur unterordnet, sondern auch zum richtigen Zeitpunkt klar macht, wo der Spaß aufhört. Nachdem Alberich, der in dieser Show den dicklippigen Varieténeger gibt, bei allen Mädels abgeblitzt ist, steigt er aus Spiel und Kostüm aus. Man nimmt diesem Nibelungen den Hass auf die Welt des schönen Scheins ab, die ihn nur zum Narren gehalten hat.

Denn nichts anderes ist für Kosky letztlich dieses Rheingold. Nicht Geld oder Wertpapiere sind bei ihm der Gegenstand des unheilbringenden Gierens von Göttern, Menschen und Zwergen, sondern allein der schöne Schein. Eine nackte, golden bemalte Nymphe ist dieser Schatz, den der Zwerg Alberich raubt und deren bei lebendigem Leibe abgezogene Haut Mime später in seiner Fabrik zum Sound des rastlos in den Streichern puckernden Nibelungen-Motivs an seiner Nähmaschine zu kostbaren Stoffen verarbeiten muss.

Eine ebenso einfache wie überzeugende Idee: Einmal, weil sie das Rheingold und seine Derivate nicht bloß als Übel, sondern auch als Faszinosum erscheinen lässt. Und zum anderen, weil ja tatsächlich nichts mehr Macht über die Menschen verschafft als die Fähigkeit, ihre Träume zu beherrschen. Selbst die Götter geraten in den Sog dieser Träume, deren Unerfüllbarkeit sie aus ihrer Zufriedenheit reißt. Als harmlose Badegäste zeigt Kosky zunächst Wotan und seine Sippe: Im ewigen Heute eines Ferienüberall dösen sie auf ihren Klippen dahin. Gleichnishaft scheinen die schwarzglänzenden Wände der engen Box, in die sie Koskys Bühnenbildner Klaus Grünberg gesperrt hat, dieses leere Leben ohne Horizont und Perspektive zu spiegeln, in das lediglich der schmierige Entertainer Loge ein bisschen schale Abwechselung bringt. Erst die Kunde vom Gold ist es, die bei diesen Sonnenölgötzen die Sehnsucht nach etwas anderem weckt.

Dass die Götter in Hannover nicht besonders majestätisch daherkommen, sondern eher wie eine Durchschnittsfamilie, erstaunt zunächst. Man ist, von den unermüdlichen Deutungsversuchen an deutschen Opernhäusern, die oft immer noch im Fahrwasser von Chéreaus 1976er Bayreuth-„Ring“ segeln, noch immer die Gleichsetzungen der Wotanssippe mit den Mächtigen von gestern oder heute gewohnt. Und doch wirkt es eher wie ein Befreiungsschlag, dass Kosky Wagners Mythos von solchen erschöpften Analogien ebenso befreit wie von etlichen Requisiten: Dieser Wotan braucht keinen Speer mehr und dieses „Rheingold“ kein Walhall. Am Ende entlässt der Regisseur Fricka, Froh und Co einfach in das gleiche schwarze Nichts der Bewusstlosigkeit, aus dem sie auch gekommen waren. Mit dem Gold sind ihnen auch die Träume wieder abhandengekommen.

Nach Brittens „Peter Grimes“ und Janaceks „Totenhaus“ kann Kosky mit dem „Rheingold“ seinen dritten Erfolg in Hannover einfahren. Dazu trägt sicher bei, dass Hausherr Michael Klügl in den letzten Jahren ein starkes Ensemble aufgebaut hat: Mit Robert Künzli besitzt er eine Tenor-Trumpfkarte, die auch als Loge sticht, mit Khatuna Mikaberize eine Fricka mit starkem vokalen Sexappeal, mit Stefan Adam einen gallespeienden Vulkan von Alberich und mit Tobias Schabel einen spielstarken Bassbariton (der den Wotan allerdings krankheitsbedingt nur darstellen konnte und vom satt auftrumpfenden Renatus Meszar gedoubelt wurde) – eine Liste, die sich bis hin zu den quellfrischen Rheintöchtern fortsetzen ließe. Buhs bekam allein Wolfgang Bozic: Dabei ist das unpathetisch klarsichtige Wagner-Bild von Hannovers Chefdirigent, das der Partitur gewissermaßen die Haut abzieht und ihre Sehnen und Knochen zeigt, nur die Konsequenz der Szene. Denn wo Träume gemacht werden, bleibt kein Platz mehr zum Träumen.

Wieder am 17., 19. und 28. November sowie am 11., 18. und 27. Dezember.

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