Opernchefs : Wär doch nur ein Intendant zur Hand

Warum es so schwer ist, einen Opernchef zu finden - jenseits der üblichen Verdächtigen.

Frederik Hanssen

Sie sind Mangelware, überall: Wann immer irgendwo ein interessanter Opern-Chefposten zu vergeben ist, dreht sich die Diskussion bald um die üblichen Verdächtigen. Die Salzburger Festspiele haben sich mit der Wahl des Zürcher Intendanten Alexander Pereira als Nachfolger von Jürgen Flimm für den Weg des geringsten Widerstands entschieden, ebenso wie der Berliner Senat mit der Ernennung von Flimm zum Kompagnon Barenboims an der Lindenoper ab 2011. Man kauft sich erfahrene Theater-Haudegen ein, die jede Menge berühmter Künstlerfreunde mitbringen, um ihre andernorts vielfach erprobte Masche noch ein weiteres Mal durchzuziehen.

Direkt nach der Wende hatte man da, zumindest in Berlin, mehr Mut: Da wurde der von keinerlei betriebswirtschaftlichen Kenntnissen angekränkelte Musikwissenschaftler Frank Schneider zum Leiter des Konzerthauses am Gendarmenmarkt gemacht, da durfte sich der Radiomann Georg Quander, zuvor Abteilungsleiter beim RIAS, als Intendant der Staatsoper beweisen. Beide haben sich, zur Überraschung der Skeptiker, wacker geschlagen: Schneider konnte gerade seinem um eine Generation jüngeren Nachfolger Sebastian Nordmann ein bestens bestelltes Haus übergeben, Quander gelang es zwischen 1991 und 2002 im Schatten des übermächtigen Daniel Barenboim durchaus, eigene Akzente zu setzen. Er erfüllte die Wünsche des Maestro – und schaffte sich damit einen Freiraum für seine Berliner Dramaturgie: Da gab es die Serie der Opern, die einst Unter den Linden uraufgeführt worden waren, darunter Raritäten wie Busonis „Brautwahl“ oder Milhauds „Christoph Kolumbus“ (in Peter Greenaways bildmächtiger Inszenierung). Zudem setzte sich Quander intensiv für das barocke Repertoire ein, gewann dafür René Jacobs, der mit seinen jährlichen Projekten Unter den Linden bis heute für Furore sorgt.

Zweimal sprang Georg Quander sogar als Regisseur ein und zeigte damit, dass er mehr sein wollte als nur ein verwaltender Kulturmanager. Sein Anschlussjob allerdings verbannte ihn zurück an den Schreibtisch, als Kölner Kulturdezernent seit 2005 holte er beispielsweise Karin Beier ans Schauspiel, warb für die Oper Uwe Eric Laufenberg aus Potsdam ab.

Wenn Georg Quander nun als Kandidat für die Intendanz der Stuttgarter Oper ab 2011 genannt wird, spricht das durchaus für den Mut der dortigen Lokalpolitiker. Weil der Quereinsteiger eben nicht zu den üblichen Verdächtigen zählt. In Stuttgart würde Quander Albrecht Puhlmann ablösen. Puhlmann steht für radikal modernes Musiktheater, zählt zu den frühen Förderern Calixto Bieitos. Die szenische Sprengkraft, die Puhlmann als Opernchef in Hannover mit seiner Programmpolitik entfacht hatte, wollte sich in den vergangenen drei Jahren in Stuttgart allerdings nur bedingt einstellen.

Am vergangenen Montag entschied der Verwaltungsrat der Bühnen darum, Puhlmanns Vertrag 2011 auslaufen zu lassen – und präsentierte zugleich Quander als möglichen Nachfolger. Die drei übrigen Stuttgarter Theaterchefs schrien auf, sahen ihr verbrieftes Mitspracherecht missachtet. Dennoch könnte Quander bei der nächsten Sitzung des Verwaltungsrats am 27. Juli von der Politik inthronisiert werden.

Vielleicht funktioniert die Kombination von Stuttgart und Quander sogar: Weil der pragmatisch denkende Kulturmanager anders als Puhlmann nicht für eine kompromisslose künstlerische Linie steht. Unter den Linden arbeiteten zu Quanders Zeiten so unterschiedliche Regisseure wie Patrice Chéreau, Achim Freyer und August Everding.

Berlin könnte übrigens der lachende Dritte im Stuttgarter Intendantenkrieg sein: Albrecht Puhlmann passt nämlich perfekt zur Deutschen Oper, wo man händeringend einen Intendanten ab Herbst 2011 sucht. Nach dem Debakel im Ländle dürfte es Puhlmann drängen, an einem Hauptstadt-Haus zu beweisen, dass er es wirklich drauf hat. Zum Beispiel, indem er mit einer innovativen Ästhetik dem üblichen Verdächtigen Jürgen Flimm Paroli bietet, der sich ja bald mit der Staatsoper in Sichtweite der Deutschen Oper im Schiller-Theater einquartieren wird.

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