Oslo : Anne-Sophie Mutter in der Philharmonie

Einen gestochen scharfen Hintergrund liefern die Osloer Philharmoniker für Anne-Sophie Mutters passionierten Mendelssohn. Die Kadenz im Eröffnungssatz des e-Moll-Violinkonzerts (das die Stargeigerin zum Mendelssohn-Jahr mit dem Gewandhausorchester Leipzig auf CD eingespielt hat) intensiviert sie zum Spiel auf Leben und Tod.

Christiane Peitz

OsloEinen gestochen scharfen Hintergrund liefern die Osloer Philharmoniker für Anne-Sophie Mutters passionierten Mendelssohn. Die Kadenz im Eröffnungssatz des e-Moll-Violinkonzerts (das die Stargeigerin zum Mendelssohn-Jahr mit dem Gewandhausorchester Leipzig auf CD eingespielt hat) intensiviert sie zum Spiel auf Leben und Tod. Mit fliegenden Fingern durcheilt sie das Universum der Gefühle, vom fahlen, mit einem Minimum an Bogendruck fast ins Flageolett kippenden Pianissimo bis zur vibrierenden Ekstase. Romantik, ja bitte, aber mit kühlem Kopf. Das Ergebnis ist ein beseelter, energischer, im nächsten Moment selbstvergessener Mendelssohn, der über jeden Kitschverdacht erhaben ist – schon wegen des von Dirigent Jukka-Pekka Saraste vorgegebenen hohen Tempos. Wenn Anne-Sophie Mutter jede Verzückung im Allegro-Finale leichtfüßig auflöst, ist es, als agiere da ein hüpfendes Kind, das einen schweren Traum hatte und sich seiner fröhlich entledigt. Der feierliche Ernst ihrer Bach-Sarabande – Mutter widmet die Zugabe ihrem Förderer Herbert von Karajan zum 101. Geburtstag – wirkt konventionell dagegen.

Begonnen hat der Abend in der Philharmonie mit „Le Carneval romain“ von Hector Berlioz. Saraste gibt am Pult den Zirkusdirektor, indem er den Showcharakter der 1843 komponierten, mit Akzenten und Knalleffekten gespickten Konzertouvertüre betont. Bei Mendelssohn setzt er auf ebenso gläserne Strukturen und geschmeidigen Klang; das sympathisch vitale Orchester hält sich klug zurück und bevorzugt eine im Mezzoforte ausgepegelte Dynamik.

E-Moll auch nach der Pause: Jean Sibelius’ Erste Sinfonie wird zum Wahlverwandten von Mendelssohn. Zunächst jedenfalls betont Saraste – der 53-jährige Finne wechselt zur Saison 2010/11 von Oslo zum WDR-Sinfonieorchester nach Köln – die Ähnlichkeiten. Auch hier begegnet man einem breiten Spektrum der Emotionen und Temperamente; alle vier Sätze durchziehen extreme Stimmungsschwankungen.

Aber nach und nach verdichten die Osloer Philharmoniker diese staunende, schwelgende, mitunter launische Musik zum explosiven Material. Und Saraste sorgt dafür, dass sie bei aller Kurzatmigkeit nie ihr Ziel aus den Augen verliert – das unvermittelt dramatische Ende. Den Schmerz darüber hatte die herzerweichend klagende Solo-Klarinette zu Beginn der Sinfonie vorweggenommen.Christiane Peitz

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