Parallelwelten : Spot auf Sex und Sittenstrenge

"Caravaggio in Holland" im Frankfurter Städel und "Frans Hals und Haarlems Meister" in München bieten einen Ausflug aus der Realität.

Christina Tilmann

Ganz so jung ist er nicht mehr, der junge Mann. Die Haut ist erkennbar sonnengebräunt, von der Arbeit an der frischen Luft. Seine Aufmachung ist im Stadium der Auflösung, das Hemd, über die Schulter gerutscht, gibt viel nackte Haut frei, das Liederbuch hat Eselsohren. Unachtsamkeit, Verwahrlosung – oder der Furor der Begeisterung, ein Mensch, ergriffen von der Kraft der Musik? Die rechte Hand schlägt temperamentvoll den Takt, der Mund ist geöffnet, die Zunge im Moment des Singens gewölbt. Die ganze Gestalt scheint leicht zurückgeworfen, als ob ein Sturm der Inspiration sie ergriffen hat.

Der „Singende junge Mann“ von Dirck van Baburen ist das einzige Bild der holländischen Caravaggio-Nachfolge, welches das Städel Museum in Frankfurt besitzt. Im 19. Jahrhundert, als die bürgerliche Sammlung durch eine Vielzahl mäzenatischer Spenden entstand, galt der barocke Licht- und Emotionsextremist Caravaggio nichts im bürgerlichen Kunstkanon. Altniederländer ja, gern auch Rembrandt, und natürlich Renaissance-Italiener. Caravaggios eigenes, unzeitgemäßes Genie fand erst ab 1950 seine Fans.

Der Erwerb des Baburen-Bilds aus einer Privatsammlung, unterstützt durch die Kulturstiftung der Länder, schließt also eine schmerzliche Lücke in der Sammlung – und wird von der Frankfurter Institution mit einer Ausstellung gefeiert, die eine sehr kurze, aber höchst aufschlussreiche Epoche der holländischen Kunstentwicklung wie mit einem caravaggesken Schlaglicht beleuchtet.

Fünf Jahre nur, von 1621 bis 1626, blühte in Utrecht der Caravaggismus, im künstlerischen Wettstreit zwischen drei Malern, die alle unlängst erst aus Rom zurückgekehrt waren: Hendrick Terbrugghen, Gerard van Honthorst und Dirck van Baburen. In Rom hatten sie die innovativen Bildideen Caravaggios kennengelernt – und das lebensfrohe barocke Künstlerleben genossen. Prototypisch präsentiert die Ausstellung gleich zwei Versionen von Caravaggios berühmtem „Lautenspieler“ als Vorbild. Der schöne Knabe, ein Tuch in den Locken, das weiße Hemd weit aufgeknöpft, bietet ein verführerisches Bild von Lebensfreude und Raffinesse. Solche Bilder hatten sich Caravaggios Auftraggeber wie der Kardinal del Monte für ihre privaten Musikzimmer bestellt. Musikgenuss galt als Zeichen verfeinerten Lebensstils.

Das ändert sich in Utrecht grundlegend. Zwar bringen die drei Maler die effektvolle Lichtgestaltung, die Nahsichtigkeit, auch den bewussten Bruch mit dem „Decorum“ aus Rom mit, doch der Bildinhalt wandelt sich ins Gegenteil. Musik, das war im Holland des frühen 17. Jahrhunderts nicht das verfeinerte Privatvergnügen adliger Herren, sondern derbe Wirtshausunterhaltung. Unübersehbar der moralischen Unterton, in diesen Szenen von Lotterleben, Prostitution, Trinkgelagen und grölenden Gästen. Und hinreißend gleichzeitig ihre körperliche Präsenz. Die „Junge Kurtisane“ von Gerard van Honthorst hält dem Betrachter herausfordernd ein Bildchen mit einem nackten Rückenakt hin. „Wer kennt meinen Arsch von hinten?“ lautet die unzweideutige Bildunterschrift. Die junge Frau, in der Prostituiertenfarbe Gelb gewandet, lacht so keck und unverstellt aus dem Bild, dass sich der moralinsaure Tenor ins Gegenteil verkehrt. Ähnlich das „Kohleblasende Mädchen“, dessen Liebhaber ihr frech an die nackte Brust fasst, während sie eine Kerze am glühenden Kohlestück entzündet. Ein in seiner dramatischen Lichtwirkung exquisites Nachtstück, das auch heute noch Glut entfacht.

Fünf Jahre nur hält die Begeisterung für derart provokant-sinnenfrohe Kunst, bis zu Baburens frühem Tod 1626. Die strenge Bürgergesellschaft im Holland des 17. Jahrhunderts sucht zur gleichen Zeit ganz andere Repräsentationsformen. Ihnen begegnet man in einer Ausstellung in München, die die Kunstszene in Haarlem in den Jahren zwischen 1610 und 1630 beleuchtet. „Frans Hals und Haarlems Meister der Goldenen Zeit“ entfaltet ein berückendes Panorama bürgerlichen Kunstverständnisses. Nicht mehr das klassische Historienbild, nicht mehr Religion oder Mythologie stehen im Zentrum dieser Kunstblüte, sondern das Leben vor der Haustür. Die leeren, weiten Dünenlandschaften rund um Haarlem mit ihrem überwältigenden Himmel, die kahlen Kircheninnenräume, Haarlems erstmals topografisch genau erfasste Stadtansichten, aber auch Wintervergnügen auf dem Eis, Bauern auf dem Feld, Fischer am Fluss oder am Strand.

Vor allem aber wollen diese Bürger, die durch Handel zu Reichtum und Ehren gekommen sind, sich selbst gemalt sehen: als wohltätige Vorstandsmitglieder (Regenten) von Waisenhäusern und Altersheimen, als politisch einflussreiche Gildenmitglieder, als ehrbare Familienoberhäupter. Das ist, in der Massierung der schwarz gekleideten Gestalten, das Gegenteil des farbenfrohen Lotterlebens, welches fünfzig Kilometer entfernt die Utrechter Caravaggisten malten. Und gleichzeitig stilistisch ein Quantensprung: Hatten die Caravaggisten noch auf barocke Effekte in glänzender Ausführung gesetzt, verselbständigt sich vor allem bei Frans Hals der Pinsel zum gestischen Instrument. Da werden Spitzenkragen nur hingewischt, Hände angedeutet, Locken in Farbstriche aufgelöst. Bei aller Strenge des Habitus spingen einen die Bilder mit einer Frische an, die den Utrechter Kollegen an Sinnlichkeit in nichts nachsteht.

Protestantische Ethik und Bürgerstolz, Strenge und selbstbewusste Repräsentation: Ihren Höhepunkt erreicht diese Porträtkunst in den Gruppenporträts der Regenten und Regentinnen des Oudemannenhuis aus dem Frans Hals Museum in Haarlem. Dem Maler, selbst schon in den Achtzigern, scheinen 1664, zwei Jahre vor seinem Tod, alle Konventionen egal geworden zu sein. Seine Bilder schmeicheln nicht mehr, zeigen gnadenlos die Wirklichkeit des Alters, die dem Maler nur zu vertraut gewesen sein dürfte. Die verloren ins Leere starrenden Augen, das strähnige Haar, die zerfahren aufgelöste Gruppe der Männer und die verbitterte Strenge, die verkniffenen Lippen und abgemagerten Hände der Frauen sind ergreifende Bestandsaufnahmen geistigen und körperlichen Verfalls. Die kecken jungen Männer und Frauen von Honthorst und Baburen scheinen weit mehr als ein Menschenleben entfernt.

Caravaggio in Holland, Städel Museum Frankfurt, bis 26. Juli, Katalog (Hirmer Verlag) 34,90 €. – Frans Hals und Haarlems Meister, HypoKunsthalle München, bis 7. Juni, Katalog (Hirmer) 25 €.

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