PAUKEN & Trompeten : Mordfreie Zone

Vor dem Fest der Liebe geben sich die beiden großen Berliner Opernhäuser auffällig friedlich. Jörg Königsdorf über blutleere Opern.

Jörg Königsdorf

Während sonst fast jeden Abend nach Herzenslust gemeuchelt und gemetzelt wird, sinkt die Zahl der gewaltsamen Tode im Dezember auf einen Tiefstand: Aus der Staatsoper etwa ist diesen Monat kein einziges Aggressionsopfer zu vermelden, und auch an der Deutschen Oper ist, neben der obligatorischen „Hänsel“-Hexenverbrennung, Verdis Gilda der einzige Mordfall bis zum Jahreswechsel. Nutznießer dieser adventlichen Appeasement-Politik sind vor allem die komischen Opern Gioacchino Rossinis: Mit dem „Barbier“ und der „Cenerentola“ an der Deutschen Oper und dem „Turco in Italia“ an der Staatsoper stehen derzeit gleich drei Rossini-Hits auf dem Berliner Opernspielplan. Alle drei auch noch in Inszenierungen, die zumindest dem Premierendatum nach noch vergleichsweise frisch sind – Katharina Thalbachs „Barbier“ ist gerade mal drei Wochen alt, David Aldens „Turco“ stammt vom vergangenen Juni und Peter Halls ursprünglich für Glyndebourne entstandene „Cenerentola“-Inszenierung feierte ihre Berlin-Premiere erst im Mai.

Wer den Barbier noch in der Premierenbesetzung sehen will, muss sich allerdings beeilen: Die Vorstellung am Mittwoch ist vorerst die letzte, in der noch die beiden Gaststars Lawrence Brownlee und Maurizio Muraro mitsingen. Denn auch dem Bismarckstraßen-„Barbier“ steht das Schicksal bevor, das die Staatsopern-Produktion schon längst erlitten hat: Die Wiederaufnahme des Turco ist in fast allen großen Rollen komplett neu besetzt, geblieben sind die kostengünstigen Kräfte des hauseigenen Ensembles (wieder heute und am Freitag).

Sowohl „Barbier“ wie „Turco“ zeigen allerdings, wie schwierig es mit Humor auf der Opernbühne nach wie vor ist. Weder Aldens verschrillte Retro-Komik noch Thalbachs Striese-Klamauk erreichen das Niveau von Berliner Rossini- Highlights wie dem legendären Berghaus-„Barbier“ oder Nigel Lowerys Staatsopern-„Italiana“, ganz einfach weil ihnen der doppelte Boden und der künstlerische Mehrwert fehlen.

Ein Manko, das übrigens auch die gerade bei Decca erschienene DVD der „Cenerentola“ aus Barcelona mit den Belcanto-Stars Joyce DiDonato und Juan Diego Florez prägt. Anderswo ist’s eben nicht unbedingt besser – das nur als Trost für alle, die Fehlgriffe gleich wieder der notorischen Berliner Opernmalaise anlasten wollen. Rossini-Fans dürften die Werkkumulation ohnehin mit gemischten Gefühlen betrachten, weil es eigentlich eher an der Zeit wäre, mal wieder eine ernste Oper des Meisters auf den Spielplan zu setzen. Pläne gab es ja durchaus: Nach dem Überraschungserfolg der „Semiramide“ hatte die Deutsche Oper erst einen „Guillaume Tell“ geplant, dann als Beigabe zur Neuinszenierung von Verdis „Otello“ ein paar Vorstellungen von Rossinis Version dieses Stoffes projektiert. Von der existiert übrigens sogar eine Fassung mit glücklichem Ausgang, in der Desdemona am Leben bleibt. Und die wäre sogar adventskompatibel.

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