Pauken & Trompeten : Romeo ist eine Frau

Jörg Königsdorf über das berühmteste Liebespaar.

Jörg Königsdorf

Opernintendanten dürften Vincenzo Bellini bis heute den Titel seiner „Romeo und Julia“-Oper übel nehmen. Da vertont der Mann schon die berühmteste Liebesgeschichte aller Zeiten – und wie nennt er sie? „I Capuleti e i Montecchi“, als ob er sein Stück möglichst unauffällig unter den aberhundert Opern der Epoche mit so kruden Titeln wie „Imelda de Lambertazzi“ oder „Emilia di Liverpool“ verstecken wollte. Und überhaupt, wo kämen wir denn hin, wenn die Opern plötzlich alle telefonbuchartig nach den Familiennamen ihrer Hauptdarsteller heißen würden? „Frau Valery“ statt „La Traviata“, „Graf Rofrano“ statt „Der Rosenkavalier“. An der Deutschen Oper hat man jedenfalls Bellinis Lapsus korrigiert: Damit auch alle wissen, was heute zur Saisoneröffnung gespielt wird, prangt in den Spielplanübersichten hinter dem originalen Operntitel der Zusatz „Romeo und Julia“. Nun ja.

Wer die traurige Geschichte des Veroneser Liebespaars sehen will, wird allerdings enttäuscht: Die drei Aufführungen (noch am Mittwoch und Samstag) sind konzertant, das Geschehen spielt sich im Wesentlichen zwischen zwei attraktiven jungen Frauen in festlicher Garderobe ab. Die Tatsache, dass Bellinis Romeo von einer Mezzosopranistin gesungen wird, dürfte auch dafür verantwortlich sein, dass die „Capuleti“ lange quasi vergessen waren. Die erste wirklich taugliche Aufnahme kam erst Anfang der achtziger Jahre auf der Grundlage einer Covent-Garden-Produktion heraus – seither hat sich das Stück allerdings sehr schnell etabliert. Vor allem dank der Initiative von Sängerinnen wie Jennifer Larmore und Vesselina Kasarova, für die der Romeo eine Möglichkeit bietet, große Gefühle zu zeigen, ohne die Stimme dramatisch überzustrapazieren. Eine ganze Phalanx von „Romeo“-Aufnahmen ist seither herausgekommen, die letzte vor einigen Monaten: Der Mitschnitt aus Wien koppelt die beiden Deutsche-Grammophon- Diven Anna Netrebko und Elina Garanca mit akzeptablem, aber nicht überragendem Ergebnis. Was vor allem daran liegt, dass Netrebkos kerngesunder Sopran nicht unbedingt die Zerbrechlichkeit Julias vermittelt. Wie zuletzt ihr triumphaler Auftritt in Tschaikowskys „Yolanthe“ in Baden-Baden zeigte, entwickelt sich die Stimme der Superdiva rapide vom Belcanto-Repertoire fort.

Es ist insofern klug, dass die Deutsche Oper Garanca mit der Russin Ekaterina Siurina paart. Siurina hat bereits in Donizettis „Liebestrank“ an der Staatsoper gezeigt, dass sie genau die richtige Stimme für dieses Repertoire besitzt: einen anmutigen Sopran, der Agilität mit warmen, lyrischen Farben vereint. Gute Chancen also, dass der Funke zwischen den beiden Liebenden überspringt.

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