Pergamenschikow-Wettbewerb : Klassischer Dreikampf

Nervenkrieg mit Gefühl: Wie ein junges Trio beim Pergamenschikow-Wettbewerb siegen will.

Udo Badelt

Die Geige fehlt. Gergana Gergova, 28, sitzt gerade als Konzertmeisterin im Orchestergraben der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf, um Brittens „Peter Grimes“ zu spielen. Ihre beiden Kollegen vom Trio Imàge, der Pianist Pavlin Nechev (29) und der Cellist Thomas Kaufmann (28), müssen also ohne sie von der Nervenprobe erzählen, die ihnen bevorsteht. Am nächsten Tag werden die Drei beim Boris Pergamenschikow-Wettbewerb der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ antreten. Für sie ist es schon der vierte Wettbewerb in diesem Jahr. Musik als Entäußerung von Gefühlen kann eigentlich nicht mit den Mitteln eines Wettbewerbs gemessen werden. Warum setzten sich junge Musiker dennoch immer wieder so einer Leistungsschau aus?

„Der Markt ist übervoll mit guten Leuten“, sagt Thomas Kaufmann und rührt in seiner Kaffeetasse, während vor dem Café Jolesch die nebeldurchzogenen Straßen Kreuzbergs so aussehen, als könnten sie eine Portion guter Musik gebrauchen. „Irgendwie muss man herausstechen, auf sich aufmerksam machen.“ Spezialisierung ist eine Möglichkeit, etwa auf zeitgenössische Musik. Richtige Kontakte und ein gutes Management eine andere. Aber auch ein Wettbewerb ist eben sehr hilfreich. Kaufmann und Nechev geht es gar nicht so sehr ums Preisgeld in Höhe von 10 000 Euro, das sie gewinnen könnten. Obwohl das natürlich auch eine Rolle spielt. Wichtiger sind die Konzerte und Auftrittsmöglichkeiten, die folgen. Denn immer wieder sagen sie: „Wir wollen einfach spielen.“ Wo, in welchem Verhältnis, ob als angestellter Orchestermusiker oder freischaffend: Das sind wichtige Fragen, aber sie müssen zurückstehen vor dem reinen Bedürfnis nach dem Spielen von Musik.

Pavel Nechev und Gergana Gergova stammen beide aus der 100 000-Einwohner-Stadt Plewen in Nordbulgarien. Sie besuchten dieselbe Schule und studierten an der Folkwang-Hochschule in Essen. Im Jahr 2000 gründeten sie das Trio Imàge. Thomas Kaufmann kam 2008 dazu. Der Österreicher hatte in Wien studiert und schon den einen oder anderen Aushilfs-Auftritt bei den Wiener Philharmonikern oder der Camerata Salzburg hinter sich. Obwohl sie an verschiedenen Orten leben, nämlich in Köln, Düsseldorf und Berlin, kommen sie mehrmals im Monat zum Üben und für Auftritte zusammen. „Wir reden über neue Stücke und spielen sie durch“, erzählt er, „das geht Hand in Hand. Wir analysieren ein Stück harmonisch und technisch, erläutern seine Zeitstruktur und die Gefühlswelt und Bilder, die es in uns wachruft.“

Bei Mauricio Kagels Klaviertrio Nr. 1 von 1984, das sie beim Wettbewerb vorspielen, müssen sie das eigentlich nicht mehr. Das Stück gehört seit 2003 zu ihrem Repertoire. Und doch ist diesmal alles anders. Denn der Cellist Boris Pergamenschikow, der 2004 starb und zuletzt an der „Hanns Eisler“ unterrichtete, forderte von seinen Schülern, die Musik möglichst vollständig intellektuell zu durchdringen. Also müssen alle Teilnehmer des nach ihm benannten Wettbewerbs, der 2005 erstmals veranstaltet wurde, zuerst einen Vortrag halten über die musikhistorische Einbettung des anschließend vorgetragenen Stückes. Und genau das macht Kaufmann und Nechev Sorgen, denn das ist für sie neues, fremdes Terrain.

Tage haben sie in der Staatsbibliothek verbracht, um sich vorzubereiten. Aber auch musikalisch sei so ein Auftritt alles andere als Routine. Normalerweise hört Thomas Kaufmann zehn Minuten vorher auf zu üben und versucht, total abzuschalten, rauszugehen, zu atmen. Der Adrenalinpegel ist dann auf Maximum. „Das ist normal, man gibt ja so viel von sich. Aber sobald man sich einmal auf dem Podium gesetzt hat, ist der Moment vertraut.“

Dann am Mittwoch der Auftritt im Galakutschen-Saal des Neuen Marstalls. Sechs Ensembles nehmen teil. Gergana Gergova ist mit dem 7-Uhr-Zug aus Düsseldorf gekommen. Die ganze Fahrt über war sie immer wieder den Text durchgegangen und hatte um gute Formulierungen gerungen, mit denen sie der Jury erklären würde, wie sich bei Kagel Tradition und Innovation durchdringen, wie er und Beckett einander künstlerisch geantwortet hätten, indem der eine seine Musik literarisch, der andere seine Texte musikalisch angelegt habe. Als sie fertig ist, folgt ein Moment äußerster Stille und Konzentration – und Kaufmanns Cello setzt ein. Das Stück handelt vom Teufel, Kagel hat es aus seinem Musikepos „Der mündliche Verrat“ extrahiert, es ist voller anschaulicher, harter und drastischer Bilder und expressiver Passagen. Todernst blickt Pavlin Nechev auf seine Kollegen, die aber verstehen jedes Augenblinzeln von ihm, greifen es auf, tragen es weiter.

Einmal gibt es Probleme, Nechev muss laut Partitur mit einer Mappe in den Flügel greifen und auf den Saiten reiben, aber bei diesem Bösendorfer werden die Saiten durch ein Stahlrohr getrennt, das andere Flügel nicht haben. Nechev ist irritiert – bevor er einfach die rechte Hand nimmt und sich der Klangeffekt, ein Schrubben, einstellt. Gergova und Kaufmann klappern mit dem Bogen auf ihren Saiten, col legno heißt die Technik. Teufelsfratzen steigen vor dem geistigen Auge auf, man versteht Kagels Stück auch ohne die ihm zugrunde liegenden Texte.

Nach 30 Minuten ist alles vorbei und die Jury beeindruckt, sie stellt nicht mehr viele Fragen. Erleichtert, zufrieden und müde sitzen die Drei in der Lobby. Wird jetzt gefeiert? „Wenn ich einen Schluck trinke, falle ich um vor Müdigkeit“, sagt Gergova. Im Taxi hat sie ihr Handy verloren, aber das ist ihr zum Glück erst nach dem Auftritt aufgefallen. Ob sie gewonnen haben, erfahren sie erst am heutigen Freitag. Aber der Namen ihres Trios ist durch die Teilnahme wieder ein Stück bekannter geworden. Und dann wieder dieser Satz: „Wir wollen einfach spielen.“

Öffentliches Preisträgerkonzert des Pergamenschikow-Wettbewerbs am Freitag um 18 Uhr im Krönungskutschen-Saal, Neuer Marstall, Schlossplatz 7

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