Philharmonie : Klang der Ruine

Schönheit und Sinnlichkeit im Spannungsverhältnis: Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin spielt Hans Werner Henze.

Jörg Königsdorf

Verrückter Gedanke eines 24-Jährigen im zerbombten Berlin: Ausgerechnet eine Sinfonie schreibt Hans Werner Henze, während um ihn herum alles in Trümmern liegt, klammert sich an die große geschlossene Form, die in den Augen seiner Kollegen bereits Relikt einer untergegangenen Gesellschaft ist. Kann so etwas Wahres entstehen? Marek Janowski und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin geben die Antwort. In der Philharmonie erweist sich die 1951 uraufgeführte dritte Sinfonie als faszinierende Vision eines Neuanfangs.

Da sind die heillos überinstrumentierten Klangballungen, die wirken, als habe jemand Bruchstücke von Strauss und Mahler zu einem Trümmerberg geschichtet. Und dazwischen blüht das Idyll einer lauen Sommernacht auf: lockender, italienisch serenadenhafter Gesang in den Geigen, überstäubt mit Harfe und Glockenspiel, aber auch wild, in aufputschenden Rhythmen rumorendes Schlagzeug – als habe sich in den Ruinen des alten Klangs ein Nachtclub angesiedelt. Vor allem aber wird klar, dass der Rückgriff auf die Form der Sinfonie hier kein Versuch ist, Gestriges zu beschwören, sondern ein Rahmen, der Schönheit und Sinnlichkeit, Apollinisches und Dionysisches in ein Spannungsverhältnis zwingt.

Es ist naheliegend, aber auch ein wenig gemein, diesem Schlüsselwerk Boris Blachers 1947 in Berlin entstandene „Paganini-Variationen“ gegenüberzustellen. Anders als Henzes Dritte hat dieses schmissige, vom RSB animiert gespielte Stück sinfonischer Unterhaltungsmusik eben keinen expressiven Mehrwert, kein Geheimnis, das den Augenblick seiner Aufführung überdauert.

Dass sich dieser Eindruck auch bei Rachmaninows viertem Klavierkonzert aufdrängt, liegt allerdings vor allem an den Interpreten. Denn eigentlich passt das 1927 entstandene Stück als Versuch Rachmaninows, sich nach seiner Emigration in einer neuen musikalischen Welt zurechtzufinden, gut zu Henzes Sinfonie. Auch bei Rachmaninow ist die Flucht in die große Form der Weg, um rapide Stimmungsumschwünge zur musikalischen Einheit zu schmieden. Nur führt schmucklose Geradlinigkeit, mit der Janowski und sein Solist Boris Berezowsky das Stück absolvieren, hier nicht zum Ziel. 

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben