Philharmonie : Was keiner wissen will

Hart am Eklat: Die Philharmoniker erschrecken mit B. A. Zimmermanns „Requiem“ ihr Publikum

Christine Lemke-Matwey

Dieser in jeder Beziehung aufwühlende Abend ist ein Lehrstück. Über Kunstanspruch und Demokratie. Über die aktuelle Befindlichkeit und Empfindlichkeit des klassischen Musikbetriebs. Über Konzertprogramme als Mogelpackungen. Über renommierte Komponisten, die nicht zwangsläufig auch gute Dirigenten sind (wie Peter Eötvös). Und, pardon, über die haarsträubende Renitenz und Ignoranz eines philharmonischen Publikums.

Die Aufführung von Bernd Alois Zimmermanns orgiastisch-plakativem „Requiem für einen jungen Dichter“ von 1969 ist in der Philharmonie keine zehn Minuten alt, der erste „Requiem“-Ruf soeben verhallt, die erste Sinusschleife des Zuspielbandes mit Textsprengseln von Wittgenstein, Johannes XXIII., James Joyce und Alexander Dubcek kaum gelaufen, das Wummern, Wimmern, Sausen und Brausen des Klangraumes gerade in einem gewaltigen Decrescendo abgeflossen – da ergreifen die ersten Herrschaften die Flucht. Und zwar, was die Sache fast schlimmer macht, ohne Randale und wütende Zwischenrufe, ohne faule Eier auszupacken oder mit Türen zu schlagen: Nein, ganz gemessen, unter größtmöglicher Rücksichtnahme auf die Sitzenbleibenwollenden blutet das Auditorium aus. Publikumsempörung 2009. Die Musiker reiben sich die Augen.

Nun ist ein klassisches Konzert keine Untersuchungshaft, jeder kann gehen, wann er will. Die Gründe aber sind allemal aufschlussreich. Ist es der Agit-Prop- Charakter, den Zimmermanns gut einstündiges Lingual für Sprecher, Sopran- und Bariton-Solo, drei Chöre, Orchester, Jazz-Combo, Orgel und elektronische Klänge nach Texten verschiedener Dichter, Berichte und Reportagen auch verströmt, gegen den man heute, 40 Jahre später und um etliche Utopien ärmer, in aller Müdigkeit und Gleichgültigkeit dann doch allergisch ist? Sind es die alten Wunden, in denen Zimmermann buchstäblich mit dem Holzhammer wühlt, die alten Traumata, die er mit Goebbels’ Sportpalastrede und virtuos applizierten Fetzen aus Beethovens Neunter heraufbeschwört – und die aus der historischen Distanz und in solcher Verdichtung erst recht unerträglich erscheinen? Auffallend, dass die Mehrzahl der Saalflüchtigen der Generation 70 plus angehört. Die Zeit nach 1945, die der sogenannten Vergangenheitsbewältigung, 1968 inklusive, haben sie intensiv miterlebt. Damals klagten sie ihre Väter an, heute ist die Musik schuld und eine Zumutung. Dass Zimmermanns legendäre „Kugelgestalt der Zeit“, jene durchkomponierte Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, spätestens von unseren virtuellen Realitäten überholt worden sein könnte, bleibt Täuschung. Von der Kraft der Kunstausübung, vom Ausgeliefertsein des Zuhörers, vom Pathos als (Mit-)Leiden – auch davon erzählt dieser Abend.

1970, ein Jahr nach der Düsseldorfer Uraufführung des „Requiems“ (unter Michael Gielen), setzt Bernd Alois Zimmermann seinem Leben ein Ende. 1973 findet zu den Berliner Festwochen die erste und bislang einzige Berliner Aufführung des Werks statt. Die Reaktionen von damals, liest man alte Kritiken, könnten die von heute sein: gepflegtes Abwandern statt plärrenden Buhgeschreis. Das heißt: Die Provokation ist fruchtbar noch. Es heißt auch: Jenseits aller Mao-Parolen, Stechschrittmärsche und Beatles-Zitate („Hey Jude“) greift Zimmermanns Partitur nach der Ewigkeit. Er ist der Ikarus der deutschen Avantgarde, stets bereit, in der Sonne zu verglühen, wenn er Wort, Klang und Geräusch komponiert, als sei alles und alles zusammen erst Musik. Er ist der Existenzialist unter den Katholiken, kurz davor, die Membran hin zum Göttlichen oder Teuflischen zu durchstoßen. Seine Blechbläserfanfaren schauen das jüngste Gericht. Sein „Dona nobis pacem“ jagt einem schwarze Schauer über den Rücken.

Die Philharmoniker und der Rundfunkchor, unterstützt vom MDR Rundfunkchor Leipzig, den Herren des WDR Rundfunkchors Köln und des SWR Vokalensembles Stuttgart, entledigen sich dieses Herkules-Brockens mehr auf löbliche denn auf wirklich lustvolle Weise. Dass Peter Eötvös vor der Pause zwei Bach- Choralvorspiele in Schönbergs Orchestrierung spielen lässt, gefolgt von einem erbärmlich uninspirierten Wagner’schen „Siegfried- Idyll“, mag als vorauseilende Besänftigung des Publikums gedacht gewesen sein. Dass das so gar nicht funktioniert, ist fast tröstlich.

Noch einmal heute, 20 Uhr.

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