Romeo und Julia : Wie krass bist du denn?

Volle Street-Credibility: "Romeo und Julia" unter Rappern am Maxim Gorki Theater. Statusgemäß stirbt Julia an einer Überdosis Kokain. Insgesamt ist das Stück mehr Witz als Tragödie.

Andreas Schäfer
Romeo Julia Foto: Davids
Überdosis Liebe. Annika Baumann (Julia) und Max Simonischek (Romeo). -Foto: Davids

Berlin„Romeo und Julia“. Ab 14 Jahren. Sagt das Programmheft. Was heißt das? Dass zumindest die Party stimmt, und das Maxim Gorki, das in seinen Inszenierungen so sympathisch ausdauernd den quecksilbrigen Geist des Aufbruchs, die Reinheit und Heftigkeit und Süßlichkeit der ersten und wahren Empfindung beschwört, mit diesem Abend unter der Leitung von Nuran David Calis ganz bei sich angekommen ist: Ein klassischer Text wird unterhaltsam und kraftvoll runtergerockt, voll Spielwitz und Rhythmusgefühl, angereichert mit vielen Gegenwartszitaten und verfeinert durch eine perfekte – mal ernst und mal weniger ernst gemeinte – Hip-Hopper-Habitus-Mimikry, dass es das junge Publikum bei so viel street credibility vor Begeisterung von den Sitzen reißt. „Theater für alle“ hatte Armin Petras versprochen. Und jetzt turnen und grooven da nicht nur gestandene Schauspieler, sondern auch Schauspielschüler von der UdK und Schüler von der Neuköllner Rütli-Schule über die Bühne, unterbrochen von zwei Auftritten echter Rapper. Und als diese nach der Vorstellung auch noch „Gebt mir ein R!“ (für Romeo) und „Gebt mir ein M!“ (für Maxim Gorki) ins aufgeheizte Publikum rufen, ist das den in den Wänden hausenden, ehrwürdigen Theatergeistern auch nur ein ganz, ganz klein wenig peinlich. Also eigentlich überhaupt nicht. Auftrag erfüllt, könnte man sagen. Nur: Warum fallen einem bei soviel Action trotzdem hin und wieder die Augen zu?

Es beginnt als Film. Zittrige, grobkörnige Bilder fangen Berlin bei Nacht ein, zeigen hippe Gangmitglieder an der Tanke, auf der Straße oder in einem Club, der V.E.R.O.N.A. heißt, denn Calis hat von Shakespeares Text nicht nur viel gestrichen und deftige Verse dazugedichtet, sondern die Familien Montague und Capulet auch ins hiesige Heute geholt. Die einen sind reich und schnöselig und besitzen die Clubs. Die anderen kommen aus Hartz-IV-Familien mit Migrationshintergrund und kontrollieren „den Asphalt“. Der über allem thronende Chef der Stadt heißt Lorenzo und wird von Gunnar Teuber gespielt, der als Unterweltler schon in dem großartigen MilieuFilm „Hotte im Paradies“ einen tollen Ausraster hatte, als ein Zuhälter-Kollege den olivengroßen Brillanten aus dem Schlappohr seines Pitbulls riss. Jetzt gibt Teuber den Strippenzieher als Mischung aus hysterischem Mafiaboss und gutmütigem Turnlehrer der Compagnie. Um geschäftsschädigende Konsequenzen eines Gewaltkonflikts zwischen den „AggroCapulets“ und den „Aggro-Montagues“ zu vermeiden, befiehlt er einen Hip-Hop battle, bei dem sich die Gangmitglieder, von Amelie von Bülow in Glitzeranzüge und Bomberjacken gesteckt und mit reichlich Goldschmuck behängt, abwechselnd verbal fertig machen.

Die Reim-Schlacht bildet zweifellos den Höhepunkt. In einer virtuosen Choreographie schlüpft das junge Ensemble in jede nur erdenkliche Macho-Pose und stellt sie gleichzeitig ironisch aus. Die fäkalfixierten Reime des Regisseurs Calis, der auch Stücke und Filmdrehbücher schreibt, sind durchaus in Shakespeares Sinn. Vor dem Hintergrund des Vulgären soll die Liebe zwischen Romeo und Julia umso reiner strahlen. Da liegt aber das kleine Problem des über weite Strecken herzerfrischenden Abends. Er ist vom Rhythmus, von den Gruppenszenen her gedacht. Der Einzelne glänzt dabei nur als Teil des Kollektivs, als Typ, solange er die Rhetorik der Aggression beibehält: Wenn er kurz aus der schutzgebenden Meute hervortritt, seine erniedrigenden Wortsalven abfeuert und danach wieder Teil des Wogens wird.

Geht es um Liebe, also um Romeo und Julia, tritt die Inszenierung auf der Stelle, weil es den Hauptdarstellern nicht gelingt, berührende Stille herzustellen. Sie wippen gewissermaßen innerlich weiter, auch wenn gerade kein Bass zu hören ist. „Wie bist du denn drauf?“, pflaumt Anika Baumann als Julia ihren Romeo bei der ersten Begegnung an und kann auch später das Empört-Übersprudelnde nicht ablegen. Max Simonischek gibt Romeo als melancholischen Wolf, pendelt zwischen Verzagtheit und kraftvoller Gefühlsoffenbarung, bei der er Julia unter halsbrecherischen Verrenkungen küssend über die Drehbühne trägt – trotzdem bleibt der Emotionssturm fern und musicalhaft.

Den einzigen schmerzhaften Moment und einen Schatten von gesellschaftlicher Brisanz gibt es zwischen dem heimlichen Paar Mercutio (Mike Adler) und Mia (Picco von Groote), als Mercutio ihr die Flucht nach Genua ausmalt und das hochnäsige Bürgertöchterchen sich über seine Kleinganovenfantasien kaputtlacht – bevor sie ihm verzweifelt um den Hals fällt.

Julia stirbt übrigens an einer Überdosis Kokain, das Lorenzo in einem Gefrierbeutel halbkiloweise mit sich herumschleppt. Auch das mehr Witz als Tragödie.

Wieder am 7. und 19. Mai

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