Ruhrpott-Kultur : Tief schürfen

Die 2002 ins Leben gerufene Ruhrtriennale gehört mittlerweile zu den prestigeträchtigsten Festivals im deutschsprachigen Raum. Was Regisseur Willy Decker für die Triennale plant.

 Während die kleinen und mittleren Stadttheater das Jahr über die kulturelle Grundversorgung des Ruhrpotts zu stemmen haben, darf die mit üppigen Landesmitteln ausgestattete Triennale Glanzlichter setzten, Experimente wagen und Projekte stemmen, für die im Bühnenalltag Kraft und Geld fehlen. Wenn Willy Decker jetzt bis 2011 die Leitung des Festivals übernimmt, dann will der Musiktheaterregisseur noch mutiger sein, noch tiefer schürfen, noch weiter denken als seine Vorgänger Gérard Mortier und Jürgen Flimm. „Urmomente des Spirituellen“ stehen im Mittelpunkt seines Programms – wobei ihn nur in zweiter Linie die unterschiedlichen Religionen interessieren: „Mir geht es um das, was vor dem institutionalisierten Glauben liegt.“

Wenn er selber Mitte August zur Eröffnung in der Bochumer Jahrhunderthalle Schönbergs Oper „Moses und Aron“ inszeniert, dann öffnet er damit einen gedanklichen Horizont, an dessen einem Rand die Macht der Sprache als Vermittlerin von Botschaften steht, der aber ebenso auch begrenzt wird von der Unmöglichkeit, göttliches Wesen und Wirken in Worte zu fassen. Sprachskeptikern wie Ernst Jandl oder Ingeborg Bachmann sind literarische Abende gewidmet, Andrea Breth wird bei Heinrich von Kleists „Der zerbrochne Krug“ Regie führen, Ivo van Hove erarbeitet eine Bühnenversion von Pasolinis „Teorema“.

Musiker wie Jordi Savall oder die Sänger vom Chorwerk Ruhr sollen die Möglichkeiten des Raumklangs in den Kathedralen der Industriearchitektur ausloten, die der Triennale als Spielstätten dienen. In der Reihe „Century of Song“ trifft Marianne Faithful auf Carla Bozulich, Iggy Pop auf Tine Kindermann. Ein Auftritt Anna Netrebkos – das einzige Glamour- Event in dem gedanklich so dicht gewebten Programm – war binnen 30 Minuten ausverkauft. Für alle anderen Veranstaltungen gibt es noch Karten (www.ruhrtriennale.de). F. H.

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