Saisoneröffnung : Familienfest bei den Philharmonikern

Was für eine nette Geste: Zum Start in die Saison lässt Simon Rattle die Berliner Philharmoniker Benjamin Brittens "Young Person’s Guide to the Orchestra" spielen, dieses didaktische Variationenwerk und Paradestück für Orchestermusiker, in dem alle Stimmgruppen nacheinander mit charakteristischen Soli glänzen.

Frederik Hanssen

Der Chefdirigent, ganz Gentleman, lässt seinen Instrumentalisten den Vortritt. Und die melden sich motiviert aus den Ferien zurück – wobei die vom schottischen Neuzugang Matthew McDonald angeführten Kontrabässe den unternehmungslustigsten Eindruck machen.

Viele Innovationen bringt die Spielzeit 2009/10 in der Philharmonie. Den mit Ach und Krach zum Konzert am Freitag fertiggestellten vergrößerten Eingang zum Potsdamer Platz, das neue Gesicht der Programmhefte wie der Publikumszeitschrift (dafür sind sie jetzt aber auch wieder kostenpflichtig). Der Deutschen Bank, die als langjähriger Hauptsponsor traditionell zum Jungfernkonzert viele Freunde einlädt, wurde eine zusätzliche Marketingaktion ermöglicht: Nicht nur in die „Digital Concert Hall“ des Orchesters wird der Abend übertragen, auch 4000 User der Bank-Website können das Event kostenlos und live im Internet verfolgen.

Eine Uraufführung gibt es auch: „Laterna magica“ von Kaija Saariaho, ein Tonpoem über Licht und Schatten mit ätherischem Celesta-, Triangel-, Cymbal- und Glasglocken-Geklingel sowie Holzbläsern, die zwischendurch Rätselhaftes über das „Licht“ flüstern. Handwerklich ist das so fingerfertig fabriziert wie eine Monogramm-Stickerei, inhaltlich aber leider ebenso sinn- wie ziellos, leicht konsumierbare Softmoderne. Vor Aufführungen durch andere Orchester weiß sich das Werk übrigens schon durch seine geradezu anstößig personalintensive Monsterbesetzung zu schützen.

Was für eine visionäre Energie wohnt dagegen Hector Berlioz’ „Symphonie fantastique“ nach fast 180 Jahren immer noch inne! Die Philharmoniker machen den revolutionären Fünfsätzer als Musik des Aufbruchs erlebbar, spielen mit jener hinreißenden Brillanz, die sie sich im französischen Repertoire erarbeitet haben. Vor allem gelingt es ihnen, eine Atmosphäre der Spontaneität herzustellen, als sähen sie die Noten zum ersten Mal und hätten das Werk nicht zuletzt vor gut einem Jahr mit ihrem Chefdirigenten im Flughafen Tempelhof aufgeführt. Der Höhepunkt: das weit in die Zukunftsmusik vorausweisende tristaneske Solo von Englischhorn und vier Paukisten am Ende der „Scène aux champs“.

In den Jubel verkündet Rattle, es sei noch eine „Familienangelegenheit“ zu klären: die Verabschiedung von Axel Gerhard, langjähriger Stimmführer der 2. Geigen, und vom orchesterintern so engagierten Solobassisten Rudolf Watzel. Blumen, bewegende Worte des Chefs, zwei Dankesreden, aus denen ein Satz hier unbedingt zitiert werden muss. „Glauben Sie den Musikkritikern kein Wort“, mahnt Watzel die Zuhörer.

>> Tickets für die Philharmoniker hier sichern!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben