Schaubühne : Bedecke deinen Himmel, Zeus!

Nur die Gedanken sind frei: Jossi Wieler inszeniert „Prometheus, gefesselt“ an der Schaubühne.

Christine Wahl

Die Zuschauer sitzen hoch oben auf der Opportunisten-Galerie. Zu ihren Füßen - illustrativ an die Brandmauer der Schaubühne gekettet – büßt der Oppositionelle Prometheus seine Strafe ab. Weil er gegen den obersten göttlichen Willen so maßgebliche Kulturleistungen wie die Schrift, die Mathematik und das Feuer unter die Menschen gebracht hatte, muss er seine unsterblichen Tage nun an einen Felsen geschmiedet fristen. Dass der neue Herrscher Zeus, der diese martialische Sanktion zu verantworten hat, überhaupt erst mit Prometheus’ Hilfe zum Göttervater aufgestiegen war, vergrößert natürlich das Skandalon.

Das Bild, das der Regisseur Jossi Wieler und sein Ausstatter Jens Kilian für Aischylos’ Tragödie „Prometheus, gefesselt“ gefunden haben, ist eindeutig. Die Hände gebunden, die Füße auf einem schmalen Betonsockel, der tropfsteinhöhlengleich in einer millimetertiefen Wasserlache steht und Abu-Ghraib-Assoziationen weckt: Ausgelieferter und physisch eingeschränkter als dieser Prometheus kann man schwerlich sein.

Der Geist aber, sagt der Abend optimistisch, bleibt vergleichsweise frei. Denn die neuen Mitläufer des Zeus – Okeanos und seine Töchter, die sich bald in adretten Matrosenanzügen auf der Zuschauertribüne tummeln – hätten eine Körpertherapie wesentlich nötiger als der Gefesselte. Thomas Bading macht aus dem Anzugträger Okeanos eine verklemmte Bürokratenfigur mit irreversiblem Haltungsschaden: Dass der Opportunismus an diesem Apparatschik sämtliche Widerstandsmuskeln lahmgelegt hat, weiß man längst, bevor er überhaupt den Mund geöffnet hat.

Die Töchter (Grit Paulussen und Luise Wolfram) sind ebenfalls auf dem besten Wege zur Steifnackigkeit: Zwar treibt sie eine unangenehme Mischung aus Voyeurismus, naivem Mitleid und Altklugheit noch gelegentlich besuchsweise – via Metallleiter – zu Prometheus in den düsteren Abgrund hinab. Bei der Frequenz aber, in der sie ihre Gliedmaßen in die immergleichen Schreckens- und Abwehrposen biegen, dürfte sich der Körperkrampf auch bei ihnen in naher Zukunft verstetigt haben.

Kurzum: Drohungen von außen sind in Jossi Wielers Inszenierung nicht mehr nötig. Die inkarnierte, vorauseilende Selbstzensur funktioniert prächtig. Selbst der Schmied Hephaistos, der bei Aischylos noch von den Zeus-Knechten „Obmacht“ und „Zwang“ bewacht werden muss, während er Prometheus widerwillig an den Felsen schmiedet, verrichtet sein grausames Handwerk hier in tadelloser Eigeninitiative. Niels Bormann gibt ihn als pragmatischen Vollstrecker mit Lederschürze – um kurz darauf als personifiziertes Zeus-Diktaturopfer Io im hart am Kitsch gewirkten weißen Unschuldskleid wiederzukehren. Zuletzt schließlich schwebt Bormann als süffisanter Machtdiener und Götterbote Hermes vom Schnürboden herab.

Und Prometheus? Ernst Stötzner, der schon einmal vor 16 Jahren in Heiner Goebbels’ Müller-Version „Die Befreiung des Prometheus“ den rebellischen Abtrünnigen verkörpert hatte, spricht den von Kurt Steinmann neu übersetzten Text so pathosfrei wie überraschungsarm im Underdog-Unterhemd, wobei er immer wieder vom grellen Scheinwerferlicht geblendet wird. Abendfüllend zwischen dem Freigeist, dem Rächer der Unterdrückten und einer gewissen Hybris changierend, tönen die Worte des gefesselten Prometheus zwar laut und deutlich aus dem Kerkerkeller, dürften aber kaum einen Edeltribünensitzer allzu tief ins vermeintliche Opportunistenherz treffen.

Überhaupt zieht das Tragödienpersonal dieses Achtzigminüters weitgehend irriationsfrei an der Zuschauergalerie vorüber. Denn alles liegt von Anbeginn klar zutage. Schwer zu glauben, wenn man sich an Wieler-Inszenierungen wie den jüngsten komplexen Jelinek-Abend „Rechnitz (Der Würgeengel)“ von den Münchner Kammerspielen erinnert, der im Mai im HAU gastierte. An der Schaubühne indes hatte sich Wieler bereits mit seiner Goethe-Inszenierung „Iphigenie auf Tauris“ vergleichsweise schwer getan.

Jetzt, in seiner Antiken-Arbeit, wirken die Figuren vor allem verkleinert. Der Vergleich mit Dimiter Gotscheffs griechischen Tragödien- Versionen drängt sich auf, weil Gotscheff einen anderen Weg einschlägt. Sein für die sommerliche Volksbühnen-Agora inszenierter „Prometheus“, der inzwischen fest in den Spielplan des Castorf-Hauses übernommen wurde, versucht nicht zu konkretisieren, sondern spielt vielmehr strukturell mit der Distanz, die Aischylos von uns trennt.

Zwar ist Gotscheffs Methode, die Tragödie wie einen Monolithen vor den Zuschauern aufzubauen und die Figuren abendfüllend auf die Lücke zwischen dem universellen Muster und seinen jeweiligen zeitgeistigen Ausprägungen zeigen zu lassen, im Falle seiner Aischylos-Inszenierung „Die Perser“ am Deutschen Theater wesentlich überzeugender gelungen. Aber Erhellendes über die Möglichkeiten und Schwierigkeiten heutiger Antiken-Inszenierungen gewinnt man schon, wenn man die beiden aktuellen Berliner „Prometheus“-Abende an der Schau- und an der Volksbühne gegeneinander hält.

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