Schauspielhaus : Geck im Glück

Frank Castorf zeigt am Schauspielhaus Zürich den „Hofmeister“ von Lenz als prekären Zeitgenossen.

Max Glauner

Das letzte Wort hat Büchner: „Das Leben war ihm eine notwendige Last. So lebte er dahin.“ Kurz nach Mitternacht zitiert Niklas Kohrt, nackt, ausgezehrt, mit großen Augen, auf der Schiffbaubühne des Zürcher Schauspielhauses noch einmal aus der Erzählung, die der Vormärzautor über das Alter Ego des Sturm-und- Drang-Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz verfasst hat.

Die weite Bühne wurde gerade leer geräumt. Nur ein schmaler Streifen Stroh liegt auf den Brettern. Er böte dem Ausgesetzten Schutz. Doch der steht und friert und das Stroh hängt ihm am Leib und in den Haaren. Kohrt hat in den vergangenen viereinhalb Stunden den Hofmeister Läuffer gespielt, fulminant, eine bodenlos narzisstische Figur, ohne Chance auf Veränderung. Läuffer haderte mit seinem Schicksal, konnte es nicht ändern und jammerte im fünften Akt, dritte Szene, nach der Selbstkastration wehleidig vor sich hin. Nun überlagern sich Läuffer und Lenz, Büchner und sein Woyzeck, all diese haltlosen Gestalten, die durch die Theatergeschichte geistern.

Damit endete in Zürich ein langer Abend. Doch man rieb sich mehr aus Verblüffung denn aus Müdigkeit die Augen: Volksbühnen-Intendant Frank Castorf vertraute derart auf die Vorlage seines Autors, dass man trotz aller Angarnierungen mit Texten von Büchner über Heiner Müller bis Tolstoi mit Fug von einer werktreuen Inszenierung sprechen kann. Castorf soufflierte dem konservativen Zürcher Publikum von Anfang an: Seht her, ich gebe euch den ganzen Lenz als Zeitgenossen. Aber ihr müsst das dann auch aushalten.

Dazu hat Hartmut Meyer einen tiefen, braun lackierten Bühnenkasten in die Schiffbauhalle gezimmert. Mit feinem Rock und auftoupierter Zopfperücke stolpert Läuffer hier in den Anfangsmonolog, ein Geck, der seinen Text nicht sagen will, bis er von seinen Brotgebern, dem Geheimen Rat und seinem Bruder Major (Gottfried Breitfuss und Robert Hunger-Bühler), dazu angehalten wird. Von nun an dekliniert Castorf Szene für Szene aus: die Geschichte von der pubertierenden Guste und ihrem Fritz, von Guste und ihrem Hauslehrer Läuffer, der sie im zweiten Akt schwängert, von Guste und ihrem Kind, das der vom Studium in Halle und Leipzig zurückgekehrte Fritz, ein Wunder, samt Guste in die Arme schließt.

Und auch Läuffer, der zwischenzeitlich beim Dorflehrer untergekommen war, findet mit Lise ein bescheidenes Glück. Bei Castorf treiben die halbnackten Protagonisten dazu eine veritable Schar weißer Gänse über die Bühne.

Vom Plot her ist das dünne Unterhaltung. Doch mit seinem „Hofmeister“ konterte Lenz gegen das etablierte Theater seiner Zeit. Der französischen Tragödie mit ihrer Einheit von Ort, Zeit und Charakteren begegnet er mit einem Zeitbogen von zwei Jahren, einer Vielzahl von Personen, Plätzen und Problemen, die offensichtlich der Gattung Komödie abgetrotzt sind und heute so kinematografisch anmuten, dass Castorf sich tatsächlich nur noch an eine einfache Postproduktion machen musste, um formal Gegenwart herzustellen.

Das bringt mit einem großartigen Ensemble Spaß und Tiefgang: Ursula Doll als übersteuerte Majorin und Aurel Manthei als ihr gelackter Liebhaber Wermuth, das Paar Guste-Fritz von Lilith Stangenberg und Franz Beil, Irina Kastrinidis und Julia Kreusch mit diversen Frauenfiguren und in einer Paraderolle, Siggi Schwientek als Schulmeister Wenzeslaus. Sie alle liefern Charakterstudien ab, die in aller Fremdheit der Lenz’schen Sprache in die Gegenwart übertragbar sind.

Man erkennt in Lenz’ respektive Castorfs Hofmeister Läuffer ohne weiteres den hilflosen Phänotyp eines überforderten Präkariats der Generation Praktikum ohne Aussicht und Orientierung. Ihn findet man heute in jedem BWL-Bachelorstudiengang. Und der Elterngeneration, von eigenen Sorgen geplagt, geht es psychisch wie sozial kaum besser.

Und so formt Castorf aus dem alten Stoff eine vielschichtige und spannende Sozialstudie, die die Bebilderung der These, dieses soziale Gemengelage ziehe den Faschismus nach sich – statt der Trikolore wird in einem Tableaux vivant die Hakenkreuzfahne geschwenkt –, nicht unbedingt nötig gehabt hätte. Doch das verzeiht man gern.

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