Schloss Rheinsberg : Nach Sonnenuntergang

Der Sehnsucht tiefster Abgrund: Die Kammeroper Schloss Rheinsberg lässt Tschaikowskys "Eugen Onegin" strahlen.

Udo Badelt

Könnte es an dem Sonnenball liegen, der im Untergang eine feurige Spur auf die Oberfläche des Sees zaubert und die Fassade des Rheinsberger Schlosses so unwirklich aufleuchten lässt, dass man sich für unendliche Minuten der Welt enthoben wähnt? Die Brandenburger Symphoniker jedenfalls zeigen sich am Freitag bei der dritten Premiere der diesjährigen Saison der Kammeroper Schloss Rheinsberg mehr als empfänglich für die Liebesträume und Sehnsüchte, für die seelischen Abgründe von Tschaikowskys „Eugen Onegin“. Das Glück eines meteorologisch vollkommenen Abends weiß Dirigent Michael Helmrath unter dem freien Himmel des Heckentheaters in überschwänglich empfundenes Liebesglück zu übersetzen. Mit tiefem Streichergrummeln wird die Unruhe in Tatjanas Mädchenseele spürbar, die scharfen Intervalle im Vorspiel zum zweiten Akt gelingen großartig. Sicher, hier und da klingt etwas schief, verpatzen die Bläser während der Briefszene eine delikate Passage. Aber über den ganzen Abend gesehen ereignet sich diese Oper vor allem im Orchester. Es verwandelt die hochdramatische Partitur in lebendige, glaubwürdige Klänge.

Ein Glaubwürdigkeitsproblem hat dafür Alexej Lavrov in der Hauptrolle. Der russische Sänger, der mit 40 anderen jungen Künstlern unter 460 Bewerbern zu Jahresbeginn beim jährlichen Gesangswettbewerb ausgewählt worden war, bringt seinen schön geführten Bariton sicher zum Einsatz. Sängerisch gibt es keinen Ausfall. Aber Lavrov bestätigt alle Vorurteile, die man gegenüber der Figur des Eugen Onegin hat: dass der Kerl ein entsetzlicher Langweiler ist. Wenn er zu Beginn in ockergrüner Reitkleidung (Kostüme: Sigrid Herfurth), tief ins Gesicht gezogenem Zylinder und KGB-Miene auftritt, nimmt man ihm noch ab, dass das zur Rolle gehört. Aber später, als er Tatjana wiedersieht und sich in sie verliebt, kann er so oft auf die Knie fallen, wie er will, er bleibt dabei so steif wie der Lack, mit dem sein Scheitel betoniert ist.

Den anderen Darstellern gelingt eine überzeugendere Symbiose aus Gesang und Szene. Ksenija Mamedova ist eine herbe Tatjana, deren Sopran dunkel abgetönt und belegt wirkt und selbst in den emotionalsten Momenten nicht wirklich strahlt, was aber ihrer Figur eine interessante Tiefenschärfe verleiht. Die Naivität der ersten Liebe wird bei ihr über das weißlich-antikisierende Kostüm transportiert. Mikolaj Adamczak legt Leidenschaft in seinen Tenor und seine Darstellung des Dichters und Onegin-Freundes Lenski. Der Ukrainer Wiktor Schewtschenko hat als Gremin nur eine einzige Arie zu singen, erhält aber für seinen samtig-fülligen Bass am Ende vom Publikum den meisten Applaus. Dass der Ire Mark Duff aus einer westlichen, vollkommen anderen humoristischen Kultur kommt als die übrigen Sänger, sieht man seiner gewitzten Interpretation des Triquet deutlich an: Er tanzt und lacht mit weißen Zähnen und blitzenden Augen. Der Art of Contrast Studiochor Berlin artikuliert sehr geschlossen und präsent, singt aber nicht immer mit dem Dirigenten.

Auch der Regisseur ist spät gekommen. Yuri Alexandrov hat in Russland, Europa und den USA über 200 Produktionen aufgeführt, darunter an der Scala und an der Met. Dieser „Eugen Onegin“ ist seine erste Arbeit in Deutschland. Alexandrov liefert eine klassische Inszenierung, die die strengen Vorgaben der barocken Bühne aufnimmt und weiterführt. Eine viersäulige Konstruktion steht im Mittelpunkt, vor der sich das Geschehen als eine Art Gartenparty in Kostümen des 19. Jahrhunderts entfaltet. Dass die Oper eigentlich als eine Fantasie Tatjanas inszeniert sein soll, wird allerdings nicht deutlich. Erst am Schluss, wenn Tatjana Onegin aus ihrem eigenen Text streicht, ahnt man, dass es hier wohl noch eine zusätzliche Ebene gegeben haben soll. Aber es ist auch so eine stimmige, farbverliebte, humorgesättigte Inszenierung.

Die einbrechende Dunkelheit erlaubt Scheinwerfereffekte, die die Bühne mal in goldenes, mal in giftgrünes Licht tauchen. Kunstnebel wabert, als Onegin einsieht, welchen Fehler er begangen hat. Der glühende Sonnenball ist zu diesem Zeitpunkt schon längst untergegangen. Im See und in Tatjanas Herzen.

Weitere Aufführungen: 11., 12., 14. und 15. August, 20 Uhr

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