Singakademien : Vom anderen lernen, heißt Singen lernen

Die Stadt hat alles doppelt, sogar Singakademien. Die beiden Chöre treten nun gemeinsam auf.

Carsten Niemann

Man wollte die Nachricht nicht zu laut herausposaunen. Doch wenn die Singakademie zu Berlin und die Berliner Singakademie gemeinsam Mendelssohns „Lobgesang“ anstimmen und dies auch noch 20 Jahre nach der Wende und 15 nach dem letzten gemeinsamen Auftritt, dann lässt sich das kaum überhören. Das schwierige Verhältnis der beiden Chöre war lange ein Symbol für den diffizilen Umgang von Ost und West. Beide Institutionen stehen in der Tradition der 1791 von Carl Friedrich Christian Fasch gegründeten ältesten Chorvereinigung der Welt.

Doch während die heutige Sing-Akademie zu Berlin, die nach dem zweiten Weltkrieg im Westteil der Stadt residierte, die Rechts- und Namensnachfolge für sich reklamiert, ist die von Helmut Koch gegründete Berliner Singakademie ein Produkt der Teilung: Sie sorgte 1963 dafür, dass die Tradition der Singakademie auch im Ostteil der Stadt weitergeführt werden konnte. Nach der Wende wünschten sich Viele die Vereinigung auch hier. Doch während die Ost- Akademie unter dem seit 1989 amtierenden Leiter Achim Zimmermann hervorragend aufgestellt war, hatte die Westschwester in den fetten Jahren der Berliner Kulturförderung künstlerisch abgebaut. Mit dem Tod von Hans Hilsdorf, der den Chor seit 1972 geleitet hatte, und mit der Einführung eines Wettbewerbs bei der Verteilung der Fördergelder für die großen Konzert- und Oratorienchöre endete die Schonfrist. Der Singakademie zu Berlin wurde die Förderung durch den Senat 2002 vollständig gestrichen, während im Osten unter Achim Zimmermann auf höchster Förderstufe weitermusiziert werden durfte.

Gerettet wurde der notleidende Chor im Westen wohl letztlich durch sein materielles Erbe: Überraschend war das im Kriege nach Kiew ausgelagerte, berühmte Notenarchiv der Singakademie wiederentdeckt und im Jahr 2002 zurückgegeben worden. Mit der Berufung von Kai-Uwe Jirka zum Künstlerischen Leiter im Jahr 2006 begann die Neuausrichtung erste Früchte zu tragen: Unter Jirka, der als Professor für Chorleitung und Direktor des Staats- und Domchores hervorragend vernetzt ist, entdeckte man nicht nur das musikalische Potenzial wieder, sondern belebte auch den Akademiegedanken: Programmatische Konzerte mit Bezug zur Geschichte der Singakademie, Vorträge und Begegnungen zwischen Dichtern, Komponisten und Sängern bei der monatlichen „Liedertafel“.

Dass sich die Singakademien fester vernetzen könnten, wollen die beiden Leiter nicht ausschließen, der Vereinigungsgedanke steht aber keinesfalls auf der Tagesordnung. Immerhin: Dass man sich auf Augenhöhe begegnen kann, zeigt, dass das Selbstbewusstsein der einen sich nicht mehr aus der Schwäche der anderen bezieht. Das könnte man schon herausposaunen.

Konzert mit dem Hochschulorchester der UdK Berlin (Leitung: Lutz Köhler) am heutigen Freitag, 20 Uhr, im Konzertsaal der UdK und am 6. Juni, 20 Uhr, im Berliner Dom

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