SPIEL Sachen : Mundraub in der Gesindekammer

Christine Wahl über die Oben-Unten-Schranke.

von

„Wie durchlässig sind die gesellschaftlichen Grenzen in Wirklichkeit?“, will das Berliner clubtheater wissen – und ist mit dieser Frage in guter Gesellschaft. Nicht nur die Bildungsdebatte mit sämtlichen wirtschaftlichen Anschlussproblemen speist sich bekanntlich seit Jahrzehnten aus diesem Punkt. Auch das Deutsche Theater prüft Anfang Februar mit Friedrich Schillers „Kabale und Liebe“, wohin sich „die Schranken des Unterschieds“ von 1784 bis im Jahr der Agenda 2010 verschoben haben.

Das clubtheater um Regisseur Stefan Neugebauer hat allerdings nicht Schiller, sondern August Strindberg einstudiert. Und der Spielort – die Alte Wäscherei im trocken gelegten Stadtbad Steglitz (Bergstraße 90) – scheint fast schon zu gut zu dessen naturalistischem Trauerspiel Fräulein Julie zu passen (15./16. und 21–23.1., 20 Uhr). Denn die Tragödie ereilt den jugendlichen Kriegsadelsspross Julie tatsächlich in der Gesindekammer: Dort schläft der Knecht Jean mit ihr, der schon seit Jahren psychoanalytisch ziemlich unverbrämt davon träumt, unter einem hohen Baum zu liegen, auf den er hinaufsteigen will. Julie wiederum glaubt sich durch diese Liaison mit dem Kammerdiener ihres Vaters ebenfalls von einem Alptraum zu befreien: Einsam und ohne jede Chance herunterzukommen, sieht sie sich Nacht für Nacht auf einer hohen Säule sitzen.

Dass der One-Night-Stand zwischen altem Kriegsadel und Gesinde noch wesentlich mehr Sprengstoff enthält als die gesellschaftliche Durchlässigkeitsfrage, haben – bis heute legendär – Einar Schleef und B. K. Tragelehn 1975 in ihrer Strindberg-Inszenierung am Berliner Ensemble bewiesen, wo die „Schranken des Unterschieds“ laut Partei- und Staatsführung ja angeblich längst abgeschafft waren. Jutta Hoffmann, Annemone Haase und Jürgen Holtz trieben dem Stück den Naturalismus jedenfalls mit spielwütigem Privatjargon, begnadeten Improvisationen zu Geschlecht und Gesellschaft, Travestieelementen und tiefen Einblicken in die gemeine Sexualpathologie gründlich aus.

Bleibt zu hoffen, dass sich auch das clubtheater inszenatorisch weit genug aus der Wäschekammer wagt!

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