SPIEL Sachen : Pssst! Willst du ein Stück?

Christine Wahl ist den Bühnenschmugglern auf der Spur.

Christine Wahl

Eigentlich, sollte man meinen, sind alle Gedenkmessen zum Mauerfall gesungen. Manchmal lohnt es sich aber doch, einen Blick auf die Party-Nachzügler zu werfen. Zum Beispiel auf die Autoren, Kulturphilosophen und Theaterleute, die sich am Dienstag (8. 12., 18 bis 24 Uhr) unter dem Motto Transit 89. Horizonte und Grenzen im Theaterdiscounter versammeln. Denn an diesem Themenabend wird in doppelter Hinsicht über den Tellerrand geschaut. Zum einen steht nicht nur Deutschland, sondern auch die Perspektive tschechischer und slowakischer Künstler auf den Umbruch im Fokus.

Zum Zweiten schlägt die Veranstaltung einen historischen Bogen von den Protesten von 1968 bis 1989. Die Buchpräsentation des von Jürgen Danyel, Jennifer Schevardo und Stephan Kruhl herausgegebenen Bandes „Transit 68/89. Deutsch-tschechische Kulturgeschichten“ um 18 Uhr eignet sich wunderbar als Einführungs-Crashkurs, bevor das Brünner Theater Gans an der Schnur umstandslos zur Dekonstruktion populärer Mythen übergeht. Unter dem Motto „The Gott Variety Show or Do We Live in Gottland?“ (22.30 Uhr) führt eine böhmische Mäusefamilie die Zuschauer durch ein nachempfundenes Karel-Gott- Museum und beleuchtet dabei auf groteske Weise die Nähe des „Biene Maja“- Sängers zum sozialistischen Regime. Mit selbigem hat auch das deutsch-tschechische Ehepaar Kurt und Kveta aus „Chance 1989 oder Window of Opportunity“ vom Archa Theater Prag seine Schwierigkeiten: Beide versuchen, ihre Verstrickungen zu vertuschen.

Die Wiener Performancegruppe God’s Entertainment reanimiert unterdessen eine alte Kulturtechnik. Das Schmuggeln westlicher Waren ist mit dem Mauerfall zwar obsolet geworden. Aber die moderne Ungleichverteilung von Kultursubventionen, meinen die Akteure, macht dafür einen „Kunstschmuggel“ (20 Uhr) notwendig. Also wird das Theaterstück einer hoch subventionierten Berliner Bühne in den Theaterdiscounter geschmuggelt und im Billigbaumarktbühnenbild raubkopiert. Dank neuester Technik soll das Publikum sogar Original und Remake direkt vergleichen können!

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