SPIEL Sachen : Sinnfrei denken

Christine Wahl sieht zu, wie aus Gold Gras wächst.

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Pünktlich zum Beginn des neuen Jahrzehnts überrollt der Schweizer Aktionskünstler und Yello-Musiker Dieter Meier die Hauptstadt mit ehrgeizigen Vorsätzen. Das Projekt, mit dem er im Mai Berlin beglücken will, sei „wahnsinnig anstrengend“, ließ er diese Woche die Presse wissen. Meier hat vor, Skulpturen aus 18 Karat Gold anzufertigen. Und die Herausforderung besteht darin, dass das Unterfangen komplett sinnlos sein soll. Es gehe in seiner Ausstellung „Le rien en or“ darum, „etwas völlig Unbedeutendes zu schaffen“. Aber überall, seufzt der Künstler, lauere hartnäckig der Sinn.

Interessanter Gedanke. Als regelmäßige Konsumentin etwa des Berliner Theatergeschehens wäre man darauf zum Beispiel nicht ohne Weiteres gekommen. Aber tatsächlich: Unterzieht man die Inszenierungen, die man, sagen wir mal, in den vergangenen zwölf Monaten unter der Rubrik „weitgehend bedeutungsfrei“ abgelegt hatte, unter diesem Aspekt noch einmal (selbst-)kritisch dem Sinn-Test, ergibt sich ein völlig neues Bild. Zum Beispiel das sogenannte „Riesen-Spektakel“ der Berliner Festspiele, bei dem ein überdimensionaler West-Onkel auf der Suche nach seiner von „bösen Ungeheuern“ entrissenen Ost-Nichte bis zur finalen Wiedervereinigung am Brandenburger Tor durch Berlin irrte: Bei Lichte besehen schwang sich das Theater hier als mentale Wellness-Oase für geistig gestresste Zeitgenossen in völlig neue Bedeutungsdimensionen auf. Und auch Jérôme Savarys Aristophanes-Inszenierung „Vögel ohne Grenzen“ in der Volksbühnen-Agora war nicht etwa sinnfrei, sondern erbrachte gleich zwei bedeutsame Beweise. Erstens: In jeder Inszenierung gibt es mindestens einen, der sich amüsiert – und sei es der Regisseur. Und zweitens: Auch die Volksbühne ist ästhetisch in der Lage, Friedrichstadt-PalastNiveau erreichen, wenn sie noch ein kleines bisschen am Handwerk feilt.

Deshalb diesmal ausnahmsweise kein konkreter Inszenierungstipp, sondern die allgemeine Bitte, das Hirn mit ähnlichen Revisions- und Regressionsübungen erst mal entsprechend umzupolen. Dann sind wir für dieses Jahr garantiert theaterfit!

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