SPIEL Sachen : Wider die Besinnlichkeit

Die innere Einkehr und Besinnlichkeit zur Adventszeit muss nicht auferlegt sein. Christine Wahl empfiehlt Radau.

Christine Wahl

Der erste Advent gilt normalerweise als Startschuss für ungebrochene Besinnlichkeitsperformances. Und zwar nicht nur auf der Bühne. Im Gegenteil: Ein Blick auf die Berliner Theaterprogramme zeigt, dass der Trend zur Harmonie bei der darstellenden Zunft noch am wenigsten ausgeprägt ist. Wem die innere Einkehr also auf die Nerven geht, der könnte sich dieser Tage wunderbar mit der Bühnenkunst trösten. Zum Beispiel im Berliner Kriminaltheater (Palisadenstraße 48). Dort wird gleich in den ersten dreißig Minuten so schnell und heftig gestorben wie sonst wahrscheinlich nur noch in Shakespeares „Titus Andronicus“: Erst verbrennt ein Kalb bei lebendigem Leib, dann sind sechs lodernde Schwäne über dem Marebo-See zu sehen, während unweit eine Frau erdrosselt wird und eine andere spurlos verschwindet. Schließlich lässt ein Lastwagen voll Dynamit den Dom von Lund in Flammen aufgehen.

Kurzum: Regisseur Wolfgang Rumpf hat Hennig Mankells Krimi „Vor dem Frost“ auf die Bühne gebracht. Von der Jagd auf den scheinbar wahnsinnigen Mörder abgesehen, treibt Kommissar Wallander bei diesem Fall allerdings auch ein handfester Vater-Tochter-Konflikt um. Linda ist nämlich erstens auf dem Karrieresprung zur Kriminalpolizistin und zweitens vorübergehend bei ihrem Vater eingezogen. Der störrische Alte braucht lange, um einzusehen, was seine Tochter längst ahnt: Hinter den scheinbar zusammenhanglosen Gewalttaten verbirgt sich eine Verschwörung.

Mankell spannt den Bogen von dem Massaker in Jonestown, Guyana 1978, wo ein religiöser Fanatiker all seinen Anhängern befahl, Selbstmord zu begehen, bis zum 11. September 2001. Besinnlichkeit kommt da garantiert nicht auf.

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