Staatsoper im Schiller Theater : Unter der Linde

Aufbau West: Der Rohbau für das Interimsdomizil der Staatsoper im Schiller Theater ist fertig.

Christiane Peitz
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Ein Theater wird zur Oper umgerüstet. -Foto: Thomas Bartilla

Es ist eine Zeitreise, ein Erinnerungsflash, ein leiser Schreck. Man betritt das Schiller Theater an der Bismarckstraße, überall Gerüste, Bauarbeiter, Baustellenpfützen. Man steht im oberen Foyer vor der gebogenen Fensterfront mit den geschliffenen Glasornamenten und den geschwungenen rotbraunen Sofabänken. Man geht ums Eck, vorbei an den unter Plastikplanen verpackten 974 Stühlen, klettert über ein Absperrband in den leergeräumten Theatersaal und erblickt die Reste der düsteren Wandpaneele ... da war doch mal was. Die Ära Boy Gobert, längst vergangen und im Gedächtnis verstaubt, plötzlich ist sie wieder da.

Archäologie der Vorwendezeit: Wer hier an den Wänden kratzt, legt Berliner Theatergeschichte frei. Beckett. Boleslaw Barlog. Hans Lietzau. Der verblassende Glanz, als die Schaubühne in den Siebzigern Theatergeschichte schrieb, nicht mehr die Staatlichen Schauspielbühnen. Die Jahre nach Gobert, Heribert Sasse, die Viererbande um Alfred Kirchner und Alexander Lang, der Schauspieler-Beamtenapparat. Erwacht das alte West-Berlin aus dem Dornröschenschlaf?

Die Staatsoper wird restauriert und zieht für drei Jahre ins Schiller Theater. Nächsten Herbst wird eröffnet, jetzt war Richtfest im Ausweichquartier. Intendant Jürgen Flimm bemühte vor 400 Gästen fröhlich die Märchen-Metapher, als er auf die pikante Ironie der Geschichte verwies: Ausgerechnet zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer wird das WestTheater ausgerechnet von der Ost-Oper wachgeküsst, nachdem das Haus an der Bismarckstraße 1993 in einer dramatischen Nacht-und-Nebel-Aktion des Senats geschlossen worden war. Auf den Tag genau 17 Jahre später, am 3. Oktober 2010, soll hier wieder staatlich gefördert der Vorhang hochgehen. Bis dahin werden die Verschleißerscheinungen des Gastspielbetriebs und der kommerziellen Zwischennutzungen beseitigt sein.

„Es ist eine späte Rache und Genugtuung, dass die Kultur wieder den Vorzug bekommt,“ sagt Flimm zum Richtfest. Gerade hat er seinen Abschied von den Salzburger Festspielen genommen und tritt nun sein Berliner Amt an. Gemeinsam mit Claus Peymann und vielen anderen Kollegen hatte er gegen die Schließung des Schiller Theaters lauthals protestiert; nun plaudert er mit dem BE-Intendanten, mit Andreas Homoki, dem Chef der Komischen Oper, und mit Sebastian Nordmann vom Konzerthaus über die turbulenten alten Zeiten – und über Schiller.

Schiller, der Zeitgenosse. Ein Sprechtheater wird zum Opernhaus umfunktioniert. Und weil der Dichterfürst ein Opernfan war und um Stimmung für den Umzug zu machen, werden Schiller-T-Shirts mit Schiller-Zitaten in Umlauf gebracht: „Ich habe immer ein gewisses Vertrauen in die Oper gehabt.“ Oder: „Und das Schöne blüht nur im Gesang.“

Bauen im Bestand, nennt Andreas Zerr das. Zerr ist der Architekt für den Umbau, der so billig (23 Millionen Euro) und so effektiv sein soll. Dem erweiterten Orchestergraben sind sechs Sitzreihen gewichen, damit die 120 Musiker der Staatskapelle so viel Platz haben wie Unter den Linden. Der auf 28 Höhenmeter vergrößerte Bühnenturm hängt jetzt an einer robusten Stahlkonstruktion, der komplette Opernchöre tragen kann. Das Boy-GobertSchwarz an den Saalwänden – Schwarz war bei der Renovierung 1980 der letzte Schrei – ist weitgehend abgebeizt. Der Raum erhält freundliche, helle Farben – wie überhaupt das Farbdesign der „Urfassung“ des 1950er Baus von Rolf Grosse und Heinz Völkers entspricht. Die alten Lüster bleiben hängen, der teddybärbraune Velour unter den Foyerfenstern kommt weg. Man bewahrt, legt frei, ergänzt, möbelt auf.

23 Millionen Euro (ursprünglich waren 20 veranschlagt), das klingt nach viel Geld. Ist aber ein Schnäppchenpreis. Allein 7 Millionen werden in die Bühnentechnik gesteckt, für eine Generalsanierung wären 60 Millionen erforderlich. Oper günstig, Oper mobil. Die aus Betonfertigteilen an das Bühnenhaus angebaute neue Montagehalle hat eine Hubvorrichtung für LKWs. Hier werden die Bühnenbilder aus den Zentralen Werkstätten am Franz-Mehring-Platz angeliefert, zusammengebaut und – schwupp – auf die nur wenige Meter entfernte Bühne gehievt.

Klar, man rückt enger zusammen an der Bismarckstraße, über der Montagehalle entsteht gerade die Probebühne, darunter, im Keller, der Orchesterprobensaal. Alles ganz nah beieinander: Andreas Zerr preist die Optimierung der Arbeitsabläufe, die Logistik der kurzen Wege, die Schule machen könnte. Die Zeiten der schweren Opern-Schlachtschiffe sind vorbei. Jüngste Meldung: Die Bayerische Staatsoper in München lädt ab Sommer 2010 in ein transportables Opernhaus des Architekturbüros Coop Himmelb(l)au. Da liegt es nahe, dass Peymann auf die Idee kommt, gleich noch einen Ballettboden einzuziehen. Nach der Zwischennutzung, so empfiehlt der Theatermacher, könnte das Staatsballett im Schiller Theater sein Quartier aufschlagen.

Der Osten erobert den Westen? Oder wird der Osten im Westen reanimiert? Ein Hauch Paulick weht von Berlins historischem Zentrum nach Charlottenburg herüber: Den künstlichen Nachhall, der dem Paulick-Saal so manche Kritik eingetragen hat, braucht auch das Schiller Theater. Deshalb werden 22 Lautsprecher in die Decke und 64 in die Wände implantiert, eine neue Proszeniumsdecke sorgt für bessere Schallentfaltung. Chefdirigent Daniel Barenboim nennt den Umzug der Lindenoper ein Zeichen für die vollendete Wiedervereinigung.

Im Hinterhof des Interimsdomizils steht ein Lindenbaum. Auch der kurze Weg vom Schiller Theater Unter der Linde bis zur Deutschen Oper, dem Stammhaus der West-Berliner Opernfreunde, ist von Linden gesäumt. Wie wär’s, wenn schon nicht mit Vereinigung, mit mehr Kooperation unter den Häusern? Von aktiver Nachbarschaft will Jürgen Flimm aber nichts wissen. Lieber macht er Witze über Umleitungsschilder, die das Publikum der Konkurrenz abwerben könnten, und empfiehlt Pierre Audi, den Chef der Oper in Amsterdam, als Nachfolger für Kirsten Harms. Den kennt er gut. So klingt die gönnerhafte Jovialität des alten Kulturbetriebs. Der Umzug wäre ein guter Anlass, auch diesen Ton in die Mottenkiste zu packen.

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