Tanz im August : Ausziehen!

„Tanz im August“ mit Anna Halprin und Anne Collod: In der Neuauflage von "Parades & Changes" geht es nicht nur darum, den nackten Körper zu feiern.

Sandra Luzina

Die Alten waren ganz schön radikal – diese Erkenntnis gewinnt man beim „Tanz im August“, obwohl diesmal überwiegend die junge Choreografen-Generation am Start ist. Anna Halprin, die mit ihren 88 Jahren noch aktiv ist, gilt als eine der Revolutionärinnen des Tanzes. Mit ihrem Stück „Parades & Changes“ von 1965 hat sie die Puritaner verschreckt. Wegen Nacktheit auf der Bühne konnte das Stück in den USA über 25 Jahre lang nicht gezeigt werden. Anne Collod hat das choreografische Material nun neu interpretiert: die Befreiung des Körpers aus den Fesseln der Konvention. In „Parades & Changes, Replays“ geht es Collod allerdings nicht allein darum, den nackten Körper zu feiern; sie ist daran interessiert, wie Tänzer heute mit den Anweisungen zur Improvisation umgehen.

Ausziehen – anziehen: Die sechs Tänzer auf der Bühne des HAU 2 legen langsam ihre schwarzen Businessanzüge ab – und schauen die Zuschauer unverwandt an. Hemden und Hosen werden gleich wieder übergestreift wie eine Uniform. Die Performance untersucht auf spielerisch-humorvolle Weise den Gegensatz von Nacktheit und sozialem Status, zudem geht es wie immer bei Anna Halprin um das Verhältnis von Alltag und Kunst.

Das Spiel mit den Zeichen der Mode erinnert schon mal an einen ausgelassenen Kindergeburtstag. Fransenstiefel, eine blonde Afroperücke, ein silberner Gesichtsschleier und Fellschuhe werden wild kombiniert: jede Kleiderordnung wird unterlaufen. Doch es geht nicht nur um die Hüllen des Selbst – die Performer werden immer mehr zu grotesken Gestalten, sie scheinen ihr gesamtes Hab und Gut am Leibe zu tragen und verschwinden fast unter all den zusammengerafften Objekten, den Gummireifen und Lampenschirmen. Auch die Nacktheit wird in unterschiedliches Licht gerückt: Bei Halprin wird der Körper auf lustvolle Weise in ein Kunstobjekt verwandelt. „Ceremony of trust“ – Zeremonie des Vertrauens nennt Halprin ihre Paraden – Collod und ihre Performer bringen zudem das nötige Selbstvertrauen mit. Das Stück atmet den Geist der sechziger Jahre, es verbindet das Libertäre und die Erprobung neuer ästhetischer Mittel. Durch die Interpretation aber wirkt es frisch und aufregend. Sandra Luzina

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