Tanztheater : Diese Himmlischen

Pina Bauschs "Sieben Todsünden" sind in Berlin noch einmal ein Triumph.

Peter von Becker
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Mut und Glut. Szene aus Pina Bauschs Brecht-Weill-Revue »Fürchte dich nicht« im Haus der Berliner Festspiele. -Foto: Oliver Look

Ein denkwürdiger Abend. Und einer der rührendsten, witzigsten Augenblicke unter vielen bewegenden, melancholisch komischen Momenten kommt gleich nach der Pause. Wie schon beim ersten Teil dieses Doppeltanzabends, wie bei den „Sieben Todsünden der Kleinbürger“ von Bert Brecht und Kurt Weill, öffnet sich zu Pina Bauschs Brecht/Weill-Revue Nr. 2 (mit dem Titel „Fürchte dich nicht“) die Bühne als tiefer, schwarz ausgeschlagener Schacht. Im Hintergrund wieder das von David Canisius furios dirigierte „Capital Dance Orchestra“, im Mittelgrund die 30-köpfige Tänzerschar, dicht geballt wie eine langsam heransteppende Masse – da löst sich plötzlich eine einzelne Frau im bunten Alltagsfähnchen, mit leuchtend rotem Haar.

Sie schwebt kurz nach vorn und fragt wie im Kindertheater: „Seid ihr alle wieder da? Ich war vor dreißig Jahren auch schon da!“ Das ist ein Lacher. Und ist doch viel mehr. Denn Josephine Ann Endicott, dieser wunderbare Irrwisch, eine Mischung aus hüpfendem Kobold, altem Mädchen und auch mal elegisch eleganter Primadonna, hat ihre Rolle schon am 15. Juni 1976 bei der Premiere im Wuppertaler Schauspielhaus gespielt – und danach in aller Welt.

Jo Ann Endicott alleine wäre schon diesen Abend wert, der noch bis Sonntag als Abschluss der diesjährigen „Spielzeit Europa“ im Berliner Festspielhaus zu sehen ist (die Vorstellungen sind seit Monaten ausverkauft). Begeisternd und geisterhaft, wirkt der Auftritt von Pina Bauschs Wuppertaler Compagnie einmal natürlich als Hommage an die im Sommer verstorbene Königin des zeitgenössischen Tanzes. Auch der Bühnenbildner Rolf Borzik, Pina Bauschs kongenialer Partner und Lebensgefährte, ist lange schon tot. Nur ihre Geschöpfe, zumindest die Protagonisten, tanzen noch immer.

Nach einer Stunde fast unaufhörlicher Bewegung und Verwandlung auf offener Bühne hat die heute knapp 60-jährige Australierin Jo Ann Endicott vor der Pause, beim da bereits ovationsgleichen Beifall für die „Sieben Todsünden“, sichtlich mit den Tränen, mit der Erschöpfung und einer sonderbar seligen, lächelnden Traurigkeit zu kämpfen. Alle wussten: It’s for Pina. Aber dennoch war das, ist das kein sentimental romantisches Requiem. Auch kein Revival. Sondern wirklich lebendes, sprühendes Tanztheater, das so viele jüngere, heutige Produktionen alt und bemüht originell, gekünstelt, ja kunstgewerblich aussehen lässt. Vielleicht, weil es in Pina Bauschs Kunst nicht nur um Kunst, sondern immer ums nackte, grausame oder liebenswerte Leben geht. Um Schönheit auch, aber nicht um Schein.

Erst spielen, erst tanzen sie also die kleine Brecht/Weill’sche Moritat von den Todsünden, um die es in dem 1933 entstandenen Stückchen eigentlich gar nicht geht. Es geht um die sieben Anschaffjahre eines armen Mädchens Anna im großen, mannskalten Amerika. Brecht und Weill wollten bei dem schnell gemachten Ding an den Erfolg ihrer „Dreigroschenoper“ und von „Mahagonny“ anknüpfen, und der Choreograf George Balanchine hat das in Paris und später in New York dann durchgesetzt. Aber der Köder mit den leichten Mädchen und schweren Jungs riecht heute recht gammelig, die Texte sind eher unterbrechtisch. Weills Musik dagegen hübsch angejazzt.

Bei Pina Bausch wird das trotzdem zum Ereignis, weil es mit ironischer Distanz und doch zärtlicher Zugewandtheit zu Annas (Endicotts) Melodram inszeniert ist, in dem eine an den Haaren gewaltsam herbeigezogene Jungfrau in den Armen der Tanzmänner erst zur Marionette und dann, nach einer ersten Liebe, zur stolzen Untröstlichen wird. Richtig toll aber ist der zweite Teil „Fürchte dich nicht“: mit einem Potpourri aus Songs und angedeuteten Szenen der „Dreigroschenoper“, aus „Mahagonny“ und neben anderem auch dem von Brechts Gefährtin Elisabeth Hauptmann verfassten Musical „Happy End“.

Hinreißend, wie vor allem Mechthild Großmann, die das jüngere Publikum wohl nur noch vom Münsteraner TV-„Tatort“ kennt, mit schier unheimlich tiefem Bariton den „Bilbao“-Song und immer wieder sich selbst auf die Bretter legt. Frau Großmann hat dazu eine so wunderbar röhrende, saudreckige, urmenschliche Lache, dass es reicht für einen ganzen Lachtränensee.

Pinas Tänzer, ob Frauen oder Männer, waren immer schon schonungslos, sie präsentieren sich als Dicke oder Dünne, Mannequin oder Matrone in ihrer ganzen, geschmäcklerisch unzensierten Leiblichkeit. Da muss man die statiöse Großmann nur einmal in ihrem grellgrünen, verrutschen Fummel aus den Nähten gehen sehen, um zu merken, wie da jemand zu uns und sich selbst kommt, hochkomödiantisch und doch ganz unverstellt. Endicott und Großmann riskieren wie alle anderen auch den schönsten traurigen Clownskitsch (mit dickrot verschmierten Lippen), und Melissa Madden Gray schmettert die „Dreigroschen“-Polly, dass man weiß: Hier geht es nie um Routine, Raffinesse oder ausgestellte Virtuosität. Pina Bausch schafft aus der Unvollkommenheit aller Natur und der Grazie ihrer Kunst einen neuen, wunderbar menschlichen Aggregatzustand.

Wenn zwei alte Spitzkragendamen zur sarkastischen „Ballade vom angenehmen Leben“ steppen oder die ganze Compagnie ganz ohne Musik das Lied von der Unzulänglichkeit allen Strebens in eine aberwitzige, heute auch an der Wallstreet oder im Regierungskabinett denkbare Nullnummer verwandeln, dann freilich sind Pinas irdische Menschen: ganz himmlisch.

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