Tenor : Jonas Kaufmann - der neue Villazon?

Der Tenor Jonas Kaufmann auf CD – und in der Deutschen Oper Berlin: Wird Jonas Kaufmann der neue Rolando Villazon? Der 1969 in München geborene Tenor bringt alle Voraussetzungen für eine mediale Megastar-Karriere im modernen Klassik-Business mit.

Frederik Hanssen

Wird Jonas Kaufmann der neue Rolando Villazon? Der 1969 in München geborene Tenor bringt alle Voraussetzungen für eine mediale Megastar-Karriere im modernen Klassik-Business mit. Er sieht mindestens so gut aus wie sein mexikanischer Stimmfachkollege, er ist musikalisch vielseitig interessiert (ohne sich stilistische Ausrutscher zu leisten wie Villazon bei seinem Händel-Album), zudem macht er im Talkshow-Studio ebenso eine bella figura wie auf der Bühne. Doch während der zwei Jahre jüngere Rolando Villazon nun schon zum zweiten Mal aufgrund von Stimmbandproblemen eine mehrmonatige Gesangspause einlegen muss, jettet Jonas Kaufmann munter durch die Welt und räumt überall Erfolge ab. Wie jetzt in zwei Abenden an der restlos ausverkauften Deutschen Oper Berlin.

Es herrscht Gala-Abend-Stimmung im Saal bei der 327. Aufführung von Boleslaw Barlogs 1969er „Tosca“-Inszenierung, so viele Smokings und bodenlange Roben hat man selbst bei einer hauptstädtischen Premiere selten gesehen. Titelheldin Nadja Michael und Bariton-Legende Ruggero Raimondi als Scarpia werden am Ende gefeiert, bei Jonas Kaufmann aber geraten die Leute schon nach seiner ersten Arie aus dem Häuschen.

Wenn Rolando Villazon wegen seiner stummfilmreifen Mimik gerne Mr. Bean genannt wird, dann kann es für seinen deutschen Konkurrenten nur einen Spitznamen geben, nämlich den des Traumtypen aus der TV-Serie „Sex and the City“: Mr. Big. Jonas Kaufmann, so scheint es bislang, kann einfach alles: Auf seiner Debüt-CD bei der Deutschen Grammophon wechselte er mühelos zwischen französischer, italienischer und deutscher Sprache, auf seinem zweiten Album, das seit gestern im Handel ist, durchstreift er das Tenor-Repertoire seiner Muttersprache, begleitet von Claudio Abbado und dem Mahler Chamber Orchestra.

Kaufmann findet die lyrische Delikatesse für Mozarts Tamino, bietet Rares von Schubert, bewältigt Beethovens „Fidelio“ und stößt wagemutig vor bis ins Wagner-Fach: ob Parsifal, Lohengrin (den er im Juli in München singen wird), oder Siegfried – seine Heldenmelodien klingen mühelos, markant-männlich und auf angenehme Weise auch altmodisch. Beim Retro-Sound allerdings mag der Toningenieur seine Finger mit im Spiel gehabt haben (Kaufmanns Idol ist der 1954 verstorbene Peter Anders). Live auf der Bühne jedenfalls klingt der 39-Jährige absolut heutig. Ein hoch gewachsener Beau betritt die Szene, siegessicher, als ziere bereits ein Lorbeerkranz seine dunklen Locken. Kaufmanns Idiomatik ist perfekt, aber er imitiert auch die sprichwörtlichen schlechten Eigenschaften italienischer Tenöre, baut Schluchzer ein und überdehnt die Spitzentöne Applaus heischend.

Da ist noch viel Kalkül mit im Spiel, da fehlt diese rückhaltlose Hingabe an die Rolle, die schauspielerische Leidenschaft, die Villazons Auftritte so einzigartig machen. Wenn Cavaradossi jedoch im Finalakt seiner Exekution entgegensieht, findet auch Jonas Kaufmann zur intensiven Rollenidentifikation. Dann rühren seine letzten Worte tatsächlich, dann leuchten die Töne zart und silbrig wie jene Sterne, von denen er singt.

Am heutigen 23. Mai ist Jonas Kaufmann beim Konzert „60 Jahre Bundesrepublik“ vor dem Brandenburger Tor dabei.

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