Thatertreffen : Pilsvergiftung

"Schreiben im Hier und Jetzt" heißt die Diskussionsrunde des Stückemarkts auf dem Theatertreffen. Gewälzt werden die großen Fragen.

Patrick Wildermann

Es ist Sonntagnachmittag, im Haus der Berliner Festspiele sitzen drei Nachwuchshoffnungen der deutschen Dramatik und bemühen sich um Geistesgegenwart. „Schreiben im Hier und Jetzt“ heißt die Diskussionsrunde des Stückemarkts auf dem Theatertreffen, gewälzt werden die großen Fragen: Wie politisch, wie biografisch, wie zeitnah müssen Theatertexte sein? Und wie sind die Herren für die Dramatik entflammt worden? Nis-Momme Stockmann, geboren 1981 in Wyk auf Föhr, erzählt von seinem Erweckungserlebnis, wie er betrunken (Hansa-Pils) in einer Vorstellung der „Antigonae“ auf der Landesbühne Schleswig-Holstein saß und sich am Pathos des Dargebotenen zusätzlich berauschen konnte. Und ja, sein Stück „Der Mann, der die Welt aß“, dessen szenische Lesung von Roger Vontobel eingerichtet wurde, verströmt ein ganz ähnliches Dosenbier-Temperament. Es ist die Geschichte eines Mannes, der im Rollenspiel des Lebens versagt. Bisschen traurig alles, gluckgluck. Am Ende wird Stockmann dafür den mit 7000 Euro dotierten Werkauftrag gewinnen.

Oliver Kluck, auch er ein Inselkind, geboren 1980 in Bergen auf Rügen, versucht den Bogen weiter zu spannen. Sein Text nennt sich „Das Prinzip Meese“, handelt aber nicht vom Malen großer Geschlechtsteile, sondern, laut Autorenauskunft, vom Finden der eigenen Verwirrung. Eine zappingfreudige Textfläche über Generationenwehwehchen, deren Inszenierung durch Claudia Bauer durchaus unterhielt, deren Halbwertszeit aber überschaubar ist. Dafür gibt’s den Förderpreis für neue Dramatik und eine Aufführung nächstes Jahr am Gorki-Theater. Was sich die Jungdichter am meisten vom Leben wünschten, wurde gefragt. Markus Bauer, Jahrgang 1973, dessen Drama „Stehende Gewässer“ heißt und in einer betrüblichen Familiengeschichte fischt, entgegnete: „Eine zweite Kreditkarte.“

Seit 1978 existiert der Stückemarkt, gesponsert wird er unter anderem von der Heinz- und Heide-Dürr-Stiftung, die sich der frühkindlichen Erziehung, der Humangenetik und dem Theater verschrieben hat – eine so einleuchtende Kombination, dass dem nichts hinzuzufügen ist. Begonnen hat er in diesem Jahr mit einem Expertentisch unter dem Titel „Was die Welt im Innersten zusammenhält“. Im Gedächtnis geblieben ist Moritz Rinkes Anekdote, wie er auf dem Sonnendeck des Kreuzfahrtschiffes Aida eine Frau beobachtete, die an ihren Silikon-Busen ein Stück von Einar Schleef schmiegte, was Rinke die Erkenntnis bescherte: „Das Drama wird weiterleben.“

Zweifellos wird es das. Unter 303 Texten aus Europa konnte die Jury wählen, jedoch, der nächste Tschechow ist nicht in Sicht. Die Finnin Sofi Oksanen versucht sich in „Fegefeuer“ an einem in Estland angesiedelten Politdrama. Und der Franzose Pierre Notte entwirft in „Zwei nette kleine Damen auf dem Weg nach Norden“ einen harmlosen Roadtrip, der der Schauspielerin und Regisseurin Katharina Thalbach ihre ganze Kauzigkeit abverlangt.

Sind die Zeiten nicht reifer für Reibungsfreudigeres? Das war auch die Frage bei der Präsentation der Ergebnisse des Dramatikerworkshops, an dem fünf Talente unter der Leitung von John von Düffel teilnahmen. Titel hier: „Welche Krise?“ Ja, welche bloß? Allein das Wort könnten sie schon nicht mehr hören, bekannte der Nachwuchs. Und so schreiben sie eben über die Familie, die Demenz, den Rummelplatz. Noch lange hallte die Frage der Moderatorin Marion Hirte nach: „Wird es ein Happy End geben?“

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