Theater : Der Clan der Castellucci

Heute beginnt der Italienische Theaterherbst: Begegnung mit zwei Choreografinnen.

Sandra Luzina

Cesena wird auch die Stadt der drei Päpste genannt. Die Pontifexe Pius VI. bis Pius VIII. stammten aus der italienischen Provinzstadt am Fuß der Apenninen. Cesena ist auch der Geburtsort der Castelluccis, einer Theaterfamilie, die immer neue Talente hervorbringt. Die Geschwister Romeo und Claudia Castellucci gründeten zusammen mit Claudia Giudi 1981 die Societas Raffaello Sanzio, die zu den radikalsten Vertretern des nuovo teatro zählt. Unweit des Renaissance-Baus der Biblioteca Malatestiana befindet sich die Homebase der Truppe.

Eine ehemalige Schule wurde zum Laboratorium, hier entwickeln die Theateralchemisten ihre Bühnenarbeiten, die Worte, Bilder, Klänge und Licht zu einem berauschend-verstörenden Gesamtkunstwerk verschmelzen. Vorstellungen werden nur wenige angeboten, die Avantgardisten sind zwar europaweit bekannt, gastieren auf den großen Festivals, doch in ihrer Heimat werden sie wenig beachtet.

Eine „Angst vor dem Neuen“ bescheinigt Claudia Castellucci dem italienischen Theater, das noch stark von der Literatur dominiert sei. Die Societas Raffallo Sanzio erregte dagegen immer wieder Aufsehen mit bildgewaltigen Adaptionen von klassischen Stoffen.

„Die Kunst führt zum Neuen, nicht das Neue zur Kunst“, erklärt Castellucci, eine belesene Dame. Beim Gespräch flicht sie allerlei gelehrte Exkurse ein zu Musik, Tanz, Theater, Literatur. Wiederholt bezieht sie sich auf die Antike – es verwundert nicht, dass sie ein pädagogisches Projekt Stoa taufte. Die jugendlichen Eleven studierten unter ihrer Anleitung rhythmische Bewegung und vertieften sich in die Lektüre philosophischer Schriften von Aristoteles bis Althusser.

Nach fünf Jahren hat sie die Schule wieder geschlossen, doch die Erfahrungen flossen in ihr erstes Tanzprojekt ein. „Homo Turbae“, geschaffen für die neu gegründete Compagnie Mora zur Orgelmusik Messiaens, ist nun beim „Italienischen Theaterherbst“ zu sehen. Bei der Werkschau präsentiert sich die unabhängige Theaterszene – und hier haben offenkundig die Frauen das Heft in der Hand.

In „Homo turbae“ hat die Choreografin mit klassisch trainierten Tänzern gearbeitet. Sie macht sich deren Disziplin und Präzision zunutze, sie kappt ihnen aber auch die Flügel, zwingt sie in das Schema eines „metronomischen“ Tanzes. „Unser ballo ist ein sehr rationaler Tanz“, unterstreicht die Choreografin. Tatsächlich ist „Homo Turbae“ von ungeheurer Rigorosität: Den Körpern wird eine strikte Ordnung aufgelegt, zugleich spürt man eine untergründige Expressivität.

Der Name Castellucci dominiert in diesem Jahr den Italienischen Theaterherbst. Teodora Castellucci, die Nichte von Claudia, präsentiert mit „à elle vide“ ihr choreografisches Debüt. Die 21-Jährige hat die „Stoa“ von Tante Claudia besucht, die – so berichtet sie lachend, eine „sehr strenge Lehrerin“ war. Deren Methodik hat sich ausgezahlt, denn in „à elle vide“ kann man Teodora als eine Tänzerin bewundern, die ihren Gesten eine schneidende Schärfe verleiht. Das Duo ist eine betörende Fantasmagorie. Zwei Kreaturen, halb Frau, halb Tier, fesseln den Blick. Teodora ist der rote Hahn, ihre Bewegungen sind ruckartig und auftrumpfend. Schwester Agata ist die mysteriöse Frau in Weiß, verharrend und verführerisch – und ebenso bedrohlich. Die Choreografie verrät die Lust an grotesker Zuspitzung.

Wenn es um die Stimmung in Italien geht, redet sie Tacheles. „Für uns Junge ist die Welt der Erwachsenen ganz einfach absurd.“

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