Theater : Die Ja-Sagerin

„Dingos“: eine Uraufführung von Paul Brodowsky an der Schaubühne erzählt von einer Beziehungskrise in der Wüste

Andreas Schäfer

Seit zehn Jahren träumt Georg von einer Fahrt durch die australische Wüste – so hat er sich den Trip allerdings nicht vorgestellt: Kurz vor der Reise hat seine Freundin Carla ihn schon zum zweiten Mal mit Adrian betrogen, was Georg weiß, weil er ihre Mails gelesen hat. Sie sitzen im Auto, die Videokamera in ihrem Schoss. Carla lächelt, Georg haut den ersten Gang rein. Viel Spaß in der Hölle.

„Dingos“ heißt das zweite Stück von Paul Brodowsky – Dingos, wie die Wüstenhunde, die autark sind, im Gegensatz zum sozialen Menschen. Ein Kammerspiel in der Weite also, das mit harmlos bösartigen Kommentaren beginnt (Habe ich das Känguru umgefahren oder du?), zur direkten Konfrontation führt und mangels Umgebung in Messerritzereien und Halluzinationen eskaliert. Sterben die beiden an Wassermangel oder explodiert nur eine Beziehung vor existentiellpittoreskem Hintergrund?

Geschickt setzt Brodowsky die Grenzenlosigkeit der Wüste mit der Unfähigkeit Carlas in Beziehung, Grenzen zu ziehen. Carla betrog Georg, weil sie nicht nein sagen konnte. Diese Schwäche unterhöhlt jede Beziehung, was Georg in die Paranoia treibt und zu hübschen Realitätsauflösungserscheinungen führt: Da die heimliche Beziehung über Mails und SMS geführt wurde, verdämonisiert sich das Virtuelle, bis Georg glaubt, der andere könne sie ständig sehen. Es bleibt offen, ob Georg den Wagen aus Versehen in die Wüste steuert oder die Panne nur vortäuscht, um Carla aus der Reserve zu locken – während das rettende Städtchen hinter der nächsten Düne liegt.

Christoph Rufer hat für die Uraufführung im Studio der Schaubühne den Boden mit Sandinseln versehen, an der Decke hängen ein Dutzend gefüllte Plastiksäcke, in denen von der aufgeblähten Fantasie bis zur Känguruleiche alles stecken kann. In der unauffällig soliden Uraufführungsregie von Anne Schneider entwickelt das Raus-mit-der-Wahrheit-Spiel von David Ruland und Elzemarieke de Vos unterhaltsamen Charme. Freilich: das Drama ist ein Drämchen und könnte genauso in einer Wohnung in Berlin- Mitte spielen. Und der Überbau ist für den kleinen Stoff reichlich bombastisch. Zäh wird der ohnehin kurze Abend, sobald die Wüste, also die Wahrheit hervorlockende Leere ihre pathetische Arbeit beginnt. Carla entpuppt sich als naives Ding. Und dass Georg im Dehydrierungswahn wie ein Äffchen durch den Raum springen muss, will auch nicht recht einleuchten.

Wieder am: 22. und 23. Juni.

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