Theater : Die Windhuker Witwen

Die "Linie 1" fährt jetzt auch in Afrika – und das Grips-Theater feiert 40. Geburtstag. Eine Reise nach Namibia.

Rüdiger Schaper

Wie vom Himmel gefallen wirkt die Christus-Kirche, eine der wenigen Sehenswürdigkeiten Windhuks. Rötlicher Sandsteinbau, lutherische Trutzburg, bis in die Fundamente deutsch. 1910 wurde das Gotteshaus in der Hauptstadt der Kronkolonie Deutsch-Südwest eingeweiht, Kaiser Wilhelm II. stiftete die Buntglasfenster. 1915 war der Spuk vorbei. Nach der Niederlage der deutschen Kolonialtruppen besetzen die Südafrikaner das Nachbarland. Das Apartheid-Regime bleibt Jahrzehnte in Namibia – und während im fernen Berlin die Mauer fällt, finden im November 1989 in Namibia erstmals freie Wahlen statt. Die Kämpfer der Unabhängigkeitsbewegung SWAPO übernehmen die Macht, die sie bis heute festhalten.

Kleine namibische Landeskunde im Vorübergehen: Drei freundliche Afrikaner mittleren Alters haben uns auf den Stufen der Christus-Kirche in einwandfreiem Deutsch angesprochen. Sie gehören, sagen sie, zu einer Künstlergruppe, die zur Feier der 20-jährigen Unabhängigkeit Namibias eine Ausstellung in der National Gallery Windhuk vorbereitet. Sie drücken uns ein Flugblatt in die Hand und laden uns zur „Vernissage Mitte Oktober“ ein. Deutsch übrigens haben sie in der DDR gelernt, als sie von der marxistisch orientierten SWAPO zur Fortbildung nach Leipzig und Ost-Berlin geschickt wurden. So viele interessante Geschichten ... Zum Abschied bitten sie um eine kleine Spende für ihre Ausstellung, der Staat habe für Kunst wenig übrig.

Das stimmt sicher. In einem Land mit zwei Millionen Einwohnern und einer Arbeitslosenquote von 40 Prozent kann man als Künstler kaum überleben. Der Rest der Story ist glatt erfunden, eine perfekte Touristenfalle. Seit Wochen stehen diese Künstler vor der Kirche und sammeln für ihre imaginäre Ausstellung. Die deutschsprachige „Allgemeine Zeitung“ hat über den Schwindel berichtet, die Polizei schaut zu. Wie könnte man diesen cleveren Geschichtenerzählern böse sein!

Ein anderes Märchen spielt zur gleichen Zeit im Nationaltheater von Namibia. Es hat den Vorteil, dass es wahr ist. Kathrin Osterode, eine Schauspielerin vom Berliner Grips-Theater, steht dort auf der Bühne, die einzige Weiße in einem schwarzen Ensemble. „Friends4Eva“ heißt das Musical, in dem eine deutsche Eva ihren afrikanischen Adam sucht, einen Musiker, der sich aus dem Staub gemacht hat. Eva ist 8000 Kilometer weit geflogen, und bei der Ankunft auf dem Flughafen von Windhuk verschwindet ihre Reisetasche im Gewühl, kaum dass sie ihren ersten Song („Namibia, I’m here“) zu Ende bringen kann. Für Eva beginnt eine Irrfahrt durch ein fremdes Land, an deren Ende sie ihre blonde Naivität verloren und eine neue Liebe gefunden hat.

Girl meets boy. Eine uralte Geschichte. Genauer gesagt: 23 Jahre alt. Seit der Uraufführung 1986 gondelt Volker Ludwigs und Birger Heymanns „Linie 1“ um den Globus. Das erfolgreichste aller Grips-Stücke hat etliche Welttourneen erlebt und wurde neu inszeniert in Kalkutta, Seoul oder Vilnius, das Berliner U-Bahn-Melodram ist aus klassischem Stoff, so unverwüstlich wie veränderbar. Wo keine U-Bahn fährt, wie im Baltikum, hat man die „1“ zur Trolleybuslinie gemacht, und wo es weder Busse noch Bahnen gibt, steigen die Helden des Alltags ins Sammeltaxi, wie jetzt in Windhuk. Und wenn das Klappertaxi den Geist aufgibt, geht die Reise auf dem Eselskarren weiter, auf dem „Kalahari Ferrari“. Kathrin Osterode hat die Rolle des Provinzmädchens, das eines Morgens in Berlin aufschlägt, einige Jahre am Hansaplatz gespielt. Aber „eigentlich spielt Namibia die Hauptrolle und nicht ich. Alles, was ich hier erlebe, kann ich auf der Bühne gleich noch mal erleben“, sagt sie nach vier Monaten Afrika.

Auf fast allen Kontinenten hat die „Linie 1“ Station gemacht, nur Afrika fehlte. Mit „Friends4Eva“, der namibischen Version, ist die letzte Lücke im weltumspannenden Grips-Verkehrsnetz geschlossen. So wird aus dem BVG-Schlachtruf „Fahr mal wieder U-Bahn“ der Coversong „Come and take a taxi“ zu lässig schaukelnden afrikanischen Rhythmen. Demnächst soll es eine jemenitische Fassung und eine Adaption in Mosambik geben.

Für „Linie 1“-Kenner bringt das englischsprachige Musical ein Déjà-vu mit etlichen Abzweigungen ins Unbekannte. Die Tour im afrikanischen Taxi wirkt schlanker und verspielter als das Original. Man wird an West-Berliner Zeiten erinnert, an das abgerockte U-Bahn-Idyll zwischen Zoo und Schlesischem Tor. Da kannte irgendwie auch jeder jeden, wie im aufgeräumten Zentrum von Windhuk, wo an der Oberfläche immer noch ein seltsames Gefühl von deutscher Ordentlichkeit vorherrscht und deutsche Safari-Touristen ihre Souvenirs in deutschen Läden hinter Fachwerkfassaden kaufen und in „Joe’s Bierhaus“ unter Batterien leerer Jägermeisterflaschen Strauß-, Springbock- und Zebra-Grillspieße verzehren.

Hätte die S-Bahn ihre Wagen so sorgsam gewartet wie Volker Ludwig sein Veteranengefährt – die Hauptstadt hätte keine Transportprobleme. Grips-Technik erweist sich immer wieder als Exportschlager. Eine alte Herero-Frau, ein schwuler Komiker, ein Bettler, der perfekt körperliche Gebrechen vorspielen kann, Drogentypen und der Retter in der Not: Namibia scheint um die Ecke zu liegen. Es gibt sogar ein Wiedersehen mit den berühmten immerbraunen „Wilmersdorfer Witwen“. In Namibia sind das die übrig gebliebenen Gattinnen der Herrenmenschen des Apartheid-Regimes.

„Friends4Eva“ erzählt aber auch von tödlicher Feindschaft und Rassenhass. Gleich zu Beginn tritt eine panische Frau auf, die mit ihrem Handy herumfuchtelt, als wär’s eine Waffe. Eine Weiße, bei einem Raubmord hat sie Familienangehörige verloren. Eine brisante Szene, wenn man die Entwicklung im Land betrachtet. In letzter Zeit haben Übergriffe auf weiße Farmer zugenommen. Der 80-jährige Ex-Präsident Nujoma, ein Freund Robert Mugabes, des Diktators von Zimbabwe, ließ im Juni in einer Rede durchblicken, dass es nötig sein könnte, Missionaren in den Kopf zu schießen.

Nationaltheater Windhuk, das klingt nach weit mehr, als es in Wirklichkeit ist. Hier finden kaum Theateraufführungen statt, nur gelegentlich Konzerte. „Friends4Eva“ gilt in der namibischen Hauptstadt als das Theaterereignis des Jahres. Als Nächstes steht eine Operette auf dem Spielplan: „Die Fledermaus“. Eine Infrastruktur für kontinuierliche Theaterarbeit gibt es nicht. In manchen Stämmen gilt es für Männer als unehrenhaft, im Theater zu arbeiten, zumal unter weißer Leitung. Talente wandern nach Südafrika aus, das bis heute weite Teile der namibischen Wirtschaft beherrscht.

Auch Natasha Lamoela, die Autorin und Regisseurin der namibischen „Linie 1“, studierte in Südafrika. Aber sie ist in ihr Heimatland zurückgekehrt und hat in Windhuk „Avalon Event“ gegründet. Sie führt die Firma gemeinsam mit ihrem deutschen Partner Frank Dornbach. Die Aktivitäten von Avalon vermitteln einen Eindruck, mit welchen Herausforderungen Theaterarbeit in Namibia verbunden ist. Natasha Lamoela und Frank Dornbach bieten „Industrial Theatre“ an, Lehrstücke für große Firmen, die ihre Mitarbeiter sozial und moralisch schulen. Ein anderer Zweig ist das „Educational Theatre“, das Theaterpaar wagt sich an Tabuthemen wie Kindesmisshandlung. Von da ist der Weg nicht weit zum Grips, das den Entstehungsprozess von „Eva“ mit Workshops in Windhuk und Berlin begleitet hat.

So viele Lebenswege kreuzen sich in diesem afrikanisch-deutschen Musical. Im Oktober feiert das Grips-Theater seinen 40. Geburtstag. Volker Ludwig hat ein neues Stück geschrieben, nun doch noch eine „Linie 2“, mit dem Untertitel „Der Alptraum“. Zuvor gastiert „Friends4Eva“ am Hansaplatz, Bundespräsident Horst Köhler und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit haben sich angesagt. Anschließend gehen die Namibier auf Deutschland-Tournee.

Die politische Prominenz soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass „Friends4Eva“ allein privater Initiative entspringt. Eine Geschichte von zwei Frauen und zwei Städten: Natasha Lamoela, die in „Eva“ ein halbes Dutzend Rollen spielt, darunter eine der „Witwen“, und Imke Rust. Die Künstlerin mit deutschen Wurzeln – ihre Familie lebt seit dem 19. Jahrhundert in Südwestafrika – war vor drei Jahren mit einem Austauschprogramm in Berlin und entdeckte das Grips-Theater für sich. Sie leitet in der namibischen Hauptstadt das Büro von „Partners Berlin – Windhuk“. Rusts „Partner“ in Berlin ist der grüne Politiker Oliver Schruoffeneger, „Eva“ bislang ihre größte und abenteuerlichste Unternehmung.

Erst kommen die Missionare, dann die Kaufleute, dann die Soldaten, so hieß es früher in den Kolonien. Das Grips-Theater schreibt seit Jahrzehnten eine andere Geschichte. Es bringt Menschen und ihre Geschichten zusammen.

„Friends4Eva“, vom 6. bis 8.10. im Grips-Theater. „Linie 2 – Der Alptraum“, Uraufführung am 16. 10.

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