Theater : Griechischer Schein

Regen, Sand und Unterrichtseinheiten: Wie die Volksbühne in ihrer Agora zur Volkshochschule wird.

Christine Wahl

Mit dem Internet hat sich ein neues dramatisches Genre etabliert: das Wikipedia-Theater. Bei dieser Kunstform wird das, was der strebsame Zuschauer vorbereitend zu Hause selbst gegoogelt hat, noch einmal in aller epischen Breite von der Bühne herab wiedergekäut. Zuschauer- und Regiewissen speisen sich hier deckungsgleich aus derselben Quelle. Logisch, dass die Kategorie „Wikipedia-Theater“ in leidlich anspruchsvollen Kreisen bis dato als Beleidigung galt.

Doch Mikael Marmarinos’ Abend „Ein Chor Stasimon“ in der Volksbühnen-Agora hat es nun geschafft, das Genre vollständig zu rehabilitieren. Denn Marmarinos kleine Griechenkunde für Erstklässler gelingt tatsächlich das Kunststück, noch mindestens drei Stufen hinter Wikipedia zurückzufallen. Das muss man wirklich erst mal hinkriegen!

Sieht man von Edith Clevers Hölderlin-Abend „Mnemosyne – Die späten Hymnen“ und einigen anderen szenischen Lesungen mal ab, die in den nächsten Tagen noch gezeigt werden, handelt es sich bei Marmarinos’ Peinlichkeit um die letzte größere Station des sommerlichen Volksbühnen-Antiken-Trips. Mitte Juli, zum Spielzeitende, wird Bert Neumanns temporäres „Amfiteatr“ wieder abgebaut. Dass die Volksbühnen-Crew, die jahrelang mit großartigen Raumideen und entsprechendem Performance-Appeal in die Stadt hineingewirkt hatte, mit ihrer Agora die letzten verbliebenen Kräfte reaktivieren und aus der Renovierungsnot eine Tugend machen wollte, war ja im Grunde nicht schlecht gedacht. Und daran, dass die Zuschauergenerationen immer früher rückenempfindlich, die Nachbarn immer lärmneurotischer und die Frühsommer immer verregneter werden, trifft sie keine Schuld.

Daran allerdings, dass solche Bodenlosigkeiten wie „Chor Stasimon“ überhaupt herauskommen, schon. Marmarinos verzapft hier eine derartige Publikumsbeleidigung, dass man sich ernsthaft nach Jérôme Savarys grottenschlechten „Vögel ohne Grenzen“ vor drei Wochen zurücksehnt. Die wollte wenigstens nicht belehren, sondern nur unter Niveau lustig sein.

Marmarinos lässt, ausgehend von der Agora, dem altgriechischen Markt- und Versammlungsplatz, das antike Vokabular von Polis bis Demokratie durchdeklinieren und dabei den jeweils allernächst liegenden Bezug zum heutigen Berlin herstellen. Die einzige Kategorie, die dabei wirklich funktioniert, ist eleos, das Mitleid. Und zwar mit den Schauspielern, dem „Chor der werktätigen Volksbühne“ sowie der hauseigenen Jugendtheatertruppe P14, die auf dem Sandbühnenhalbrund für diesen frechen Regie-Dilettantismus ihre Gesichter hinhalten müssen. Young-Shin Kim, die gleichsam die undankbare Rolle der Grundschulrektorin abbekommen hat, belehrt uns mit weit aufgerissenen Augen und so verlangsamtem Tonfall, als hätte sie es mit Analphabeten zu tun: „Chor heißt: Menschen. Das heißt immer: Plural“. In diesem Stil springt sie dann abendfüllend von einer im Sand errichteten antikisierenden Miniburg zur nächsten weiter: „Das ist die Bib-li-o-thek. Das ist die Münz-präge-anstalt.“ Ihre Kollegen unterstützen sie aus dem Hintergrund mit nicht minder erhellenden Verbalkrachern: „Aber bei der Fußball-WM, da war der Potsdamer Platz super“, wehrt sich da jemand gegen öffentliches Plätze-Bashing. Und der Nächste schwingt den Zeigefinger: „Demokratie ist doch nur noch eine Phrase. Wir finden es doch toll, Sklaven der Diktatur des Geldes zu ein.“ Nur wenigen gelingt es so überzeugend wie Werner Eng, derart hohle Peinlichkeiten mit echter philosophischer Erkenntnisfreude ins Agora-Halbrund zu deklamieren. Die meisten Beteiligten können ihre Ratlosigkeit verständlicherweise genauso schlecht überspielen wie die Zuschauer im hölzernen Halbrund.

Und wenn dann irgendwann in diesen endlosen siebzig Minuten der Satz fällt: „Uns fällt nichts Besseres ein; das ist doch unser Problem“, ist der Abend wirklich ganz bei sich selbst angekommen. Den Vorwurf immerhin, dass ihm nichts eingefallen sei, kann man, auf die sich neigende Agora-Saison zurückblickend, Intendant Frank Castorf nicht machen. Sein Konzept, die Kindsmörderin „Medea“ in der Version Senecas mit Alexander Kluges Erzählung „Heidegger auf der Krim“ zu konfrontieren und so ein höchst provozierendes Spannungsfeld zwischen Medeas Rache und der Ermordung von 90 ukrainischen Kindern durch eine SS-Einheit zu schaffen, liegt als intellektuelles Angebot nicht nur über Agora-, sondern überhaupt über dem gegenwärtigen Theaterdiskursdurchschnitt. Und in ihren tollsten Momenten können die zahlreichen Migrationsfolkloristinnen, die man von anderen Theatern kennt, gegen Castorfs multiple Medea mit ihrem osteuropäischen Appeal einpacken. Nur leider sind diese Momente eben rar; der Abend stürzt ziemlich gnadenlos ab, weil zur Umsetzung des Konzepts offenbar die Kraft oder die Zeit oder alles Mögliche sonst gefehlt hat.

Niveauvoll streiten immerhin konnte man sich während der Griechen-Saison über Werner Schroeters ganz auf dem hohen Ton inszenierte Frauen-Bespiegelung „Antigone/Elektra“ mit Dörte Lyssewski, Anne Ratte-Polle, Pascale Schiller und Almut Zilcher sowie über Dimiter Gotscheffs konzentriert-hermetischen „Prometheus“ zum Auftakt. Der Rest ward ziemlich nachhaltigkeitsfrei in den Agora-Sand gesetzt.

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