Theater : Hysterie, dein Name ist Mann

Der Prozentsatz, der von Shakespeares Bühnenhit in dem 70-minütigen Abend steckt, ist ziemlich korrekt beziffert: Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen inszenieren "7% Hamlet" am Deutschen Theater Berlin.

Christine Wahl

Der doppelte männliche Hysteriebogen ist wirklich eine Augenweide! Ob Sigmund Freuds Patientinnen diesen extremsportlichen Krankheitshöhepunkt, bei dem sich der Körper aus dem Stand kreisbogenartig nach hinten überstreckt, je so unterhaltsam hinbekommen hätten wie ihre theatralen Erben Bernd Moss und Franck Edmond Yao in der Box des Deutschen Theaters, darf bezweifelt werden.

Moss, der mit Saisonbeginn von den Münchner Kammerspielen ins DT-Ensemble gewechselt ist, bewältigt die Herausforderung mit einer ruckartigen Klappmesser-Choreografie, die ihn allerdings auf dem Rückweg in den aufrechten Stand zu einem demütigenden Krebsgang zwingt. Da ist es für den ivorischen Tänzer und Performer Franck Edmond Yao ein Leichtes, ihn zu deklassieren, indem er sich mit höchst ansehnlicher Waschbrettbauchmuskelarbeit aus einer elastischen Brücke mühelos in die Vertikale zurück biegt.

Gemessen an „Hamlet“, dem dramatischen Sprungbrett des Abends, wird die kleine kulturwissenschaftliche Hysterie-Exegese zu einem relativ ausufernden Bestandteil von Monika Gintersdorfers Projekt „7% Hamlet“. Der Prozentsatz, der von Shakespeares Bühnenhit in diesem 70-minütigen Abend steckt, ist hier ziemlich korrekt beziffert. Die Regisseurin nutzt Motive wie den väterlichen Geist, Ophelias Suizid oder Hamlets zögerliche Rache lediglich als Stichwortgeber für eine interkulturelle Plauderei über Religion, Mystik, Frauen und Tod.

Man kennt diese Methode bereits aus Vorgängerproduktionen wie „Othello c’est qui?“, „Logobi“ oder „Betrügen“, die Gintersdorfer und ihren Arbeitspartner, den bildenden Künstler Knut Klaßen, zum momentan wohl gehyptesten Duo der freien Theaterszene gemacht haben. Stets werden französischsprachigen Performern von der Elfenbeinküste deutsche Kollegen zur Seite gestellt, die sowohl das Gesprochene auf der Bühne live übersetzen als auch die Bewegungen verdoppelnd aufgreifen. Eine Art multiples Brechungsprinzip, auf dessen permanente Differenzproduktion man sich blind verlassen kann. Kurzum: Der perfekte Anschauungsnachhilfeunterricht für alle, die immer noch dem naiven Glauben anhängen, ein System ließe sich rückstandsfrei in ein anderes übersetzen oder zumindest restlos von einer süffisanten Außenperspektive aus erklären. Und definitiv ein sinnvoller Ansatz, wenn man sich mit solchen komplizierten Themen wie „dem anderen“ beschäftigen will, ohne geradewegs in die weit verbreitete Vereinnahmungsfalle zu tappen. Zumal Gintersdorfer und Klaßen in Gestalt ihrer Akteure tatsächlich über ein beneidenswertes performatives Kapital verfügen.

An Moss und Yao liegt es jedenfalls nicht, wenn der Abend im Nachgang dennoch wenig ertragreich ist. Daran ist Gintersdorfers Text schuld, der oft so vorhersehbar ins Anekdotische, bisweilen auch Banale kippt, dass er den geöffneten Spiel-Raum verbal unnötig wieder verengt. Wenn etwa aus dem Shakespeareschen Motivkomplex „Schwachheit, dein Name ist Weib“ der redundante Seufzer „Les femmes! Les femmes!“ wird, beschwert sich Yao, dass Frauen heutzutage so total unfeminine Disziplinen ausüben dürfen wie Fußball, Boxen und – der absolute Gipfel – Pornogucken. Moss gibt daraufhin erst den politisch korrekten Frauenbewegten und hebt den Dialog anschließend mit ein paar Shakespeare- Zeilen schnell wieder auf die Kunstfigurenebene, damit auch ja keiner auf den Gedanken kommt, hier könne etwa ein Schuss künstlerisch ungefilterter Machismo im Spiel sein! Da drängt sich ein Gefühl von Didaktik auf, das hinter Gintersdorfers und Klaßens eigenem Untersuchungs-, geschweige Subversionsanspruch zurückbleibt.

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