Theater : „Ich lasse mir meine Sprache nicht verbieten“

Das Haus der Berliner Festspiele zeigt mit "Burka Bondage" ein riskantes deutsch-afghanisches Theaterprojekt.

Sandra Luzina
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Flügel und Fesseln. Monireh Hashemi probt "Burka Bondage". -Foto: Spiekermann-Klaas

Die Situation mutet surreal an: Eine deutsche und eine afghanische Regisseurin sitzen in Berlin zusammen und reden über Burka und Bondage. Wie ist das möglich? Begonnen hat alles vor zwei Jahren in Kabul. Helena Waldmann und ihre iranischen Darstellerinnen waren mit der Produktion „Letters from Tentland – Return to Sender“ 2007 zum Nationalen Theaterfestival nach Afghanistan eingeladen. In einer Karawanserei sah Waldmann eine Aufführung aus Herat: „Mädchen, alle weiß gekleidet, gingen im Kreis, ihre Hände waren mit Ketten verbunden. In der Mitte stand ein neunjähriges Mädchen, das eine solche Wehklage ausgestoßen hat, wie ich es noch nie gehört habe“, erzählt Waldmann. „Sie hat mich mitten ins Herz getroffen.“

Monireh Hashemi, die Regisseurin dieser aufrüttelnden Inszenierung, arbeitet nun neben Helena Waldmann in einer Kreuzberger Fabriketage an einem außergewöhnlichen Theaterprojekt. Hashemi ist bei „Burka Bondage“ für alle Fragen zuständig, die Afghanistan betreffen. Waldmann, die unerschrockene Theater-Pionierin, und die so zarte wie couragierte Hashemi bilden ein reizvolles Gespann. „Burka Bondage“ spannt zwei Begriffe zusammen, die schon für sich als Reizwort taugen und beide sexuell konnotiert sind.

Der Wunsch nach Autonomie verbindet sich mit einer wilden Theaterleidenschaft

Hashemi widerspricht jedenfalls westlichen Feministinnen, wenn sie erklärt: „Die Burka ist oft die einzige Chance, eine gewisse Freiheit zu erfahren.“ Denn nur so seien die Frauen vor den zudringlichen und kontrollierenden Blicken der Männer geschützt. „Body check“ nennt es Hashemi, die fließend englisch spricht. Sie selber weigert sich allerdings standhaft, eine Burka zu tragen, stattdessen bedeckt sie ihr Haar mit einem Kopftuch. Der Wunsch nach weiblicher Autonomie verbindet sich bei ihr mit einer wilden Theaterleidenschaft. Monireh Hashemi, die nie Theater studiert hat, erregte schon mit ihrem ersten Stück Aufsehen. Die Inszenierung fand an einer Mädchenschule in Herat statt, den Text schrieb sie in einer einzigen Nacht, er ruft Maria und Fatima an. „Wir haben doch große Frauen in unserer Religion“, erklärt sie, „und die Frauen hatten einmal ihren Platz in der Gesellschaft.“

Dieser Platz wird ihnen heute, Jahre nach dem Ende der Taliban-Herrschaft, immer noch streitig gemacht. „Die afghanischen Männer sperren die Frauen zu Hause ein, wo sie lebendig begraben sind,“ sagt Hashemi und berichtet von den geringen Bildungschancen der Mädchen und von der immer noch verbreiteten Praxis der Zwangsheirat.

Als Schauspielerin und Regisseurin im heutigen Afghanistan braucht man sehr viel Mut, das macht das Gespräch deutlich. Monireh Hashemi mit ihrem sanften Lächeln ist eine Kämpferin, doch wenn sie von den Gefahren erzählt, denen sie permanent ausgesetzt ist, kommen ihr einmal fast die Tränen. Wiederholt hat sie anonyme Anrufe oder Drohbriefe erhalten, in denen sie beschuldigt wurde, unmoralisch zu leben. Doch sie sagt mit trotziger Entschlossenheit: „Theater ist meine Sprache, und die lasse ich mir nicht verbieten.“
Die 24-Jährige ist eine Ausnahmeerscheinung. Ihre Familie halte fest zu ihr, erzählt sie. Und ihr Mann teilt ihre Passion: Der Filme– und Theatermacher hat die Produktionsgesellschaft gegründet, die ihre ersten Arbeiten ermöglichte und für die sie weiterhin tätig ist. Dass sie so furchtlos auftritt, hat sicher auch damit zu tun, dass sie während der Taliban-Jahre im Iran gelebt hat. Helena Waldmann berichtet von einem Workshop mit afghanischen Frauen, den sie auf Initiative des Goethe-Instituts abgehalten hat: „Monireh war nicht durch den Krieg traumatisiert wie alle anderen. Sie war die einzige, die sich konzentrieren konnte.“

Das Stück ist ganz gewiss eine Gratwanderung

Hashemi war Waldmann auch deswegen aufgefallen, weil sie eine Regisseurin ist, die stark mit dem Körper arbeitet, was ungewöhnlich ist für Afghanistan. Sie bringt nun ihre künstlerische Sensibilität ein, ist aber auch brennend interessiert an westlichen Ausdrucksformen. Mit großer Neugier hat sie verfolgt, wie Waldmann mit ihren beiden Tänzerinnen, der Japanerin Yui Kawaguchi und der Portugiesin Vania Rovisco, das Bewegungsmaterial erarbeitet. Für sie war das alles Neuland. „Ich verstehe euer Theateralphabet nicht“, gestand sie anfangs. Nach drei Wochen verstand sie einzelne Worte, dann ganze Sätze.

Helena Waldmann findetr immer wieder Wege, mit Künstlerinnen aus islamischen Ländern zu arbeiten. Hashemi hat sie beim neuen Projekt freie Hand gelassen: Mit Yui Kawaguchi hat sie einen orientalischen Tanz einstudiert, mit Vania Rosco einen afghanischen Song geprobt. Allerdings geht es in „Burka Bondage“ beileibe nicht um Folklore. Das Theater von Helena Waldmann will unseren Blick auf die andere Kultur – auch die japanische – und auf den Körper verändern.

Das Stück bewegt sich im Spannungsfeld von Fesseln und Entfesselung und ist ganz gewiss eine Gratwanderung. In Monireh Hasehmi hat Waldmann eine Verbündete gefunden. Die junge Afghanin geht mit offenen Augen durch Berlin, hat sich viele Tanzaufführungen angeschaut und ist keineswegs geschockt von den hiesigen Sitten und Theatermoden. Was ihr besonders aufgefallen ist? „Frauen und Männer gehen hier so zwanglos miteinander um, das hat mich positiv überrascht“, sagt Monireh Hashemi und lächelt ihr sanftes Lächeln.

- „Burka Bondage“, Haus der Berliner Festspiele, 9. bis 11. Oktober, 20 Uhr.

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