Theater : In Rixdorf is’ Musike

Wie zehn mutige Frauen den Saalbau Neukölln wieder zu einem echten Volkstheater machen wollen.

Laura Wieland
Filmzauber
Licht aus, Spot an. Probenszene aus der Revue "Filmzauber". -Foto: Mike Wolff

Nachmittägliches Großstadtgewühle auf der Neuköllner Karl-Marx-Straße. Aus den heruntergekurbelten Fenstern vorbeifahrender Autos dröhnen Bässe. Zwischen den 99-Cent-Läden, Imbissbuden und einem „Mega-Snack“ geht es durch einen Torbogen in den Innenhof des Saalbaus Neukölln. Im grünen, schattigen Garten des Café Rix vor dem historischen Theatersaal ist es ruhig wie zur Siesta. Abgeschirmt von dem Trubel auf der Hauptstraße, bespricht Julia von Schacky die letzten technischen Details mit ihrem Tonmeister. Die 30-jährige Berliner Bühnenbildnerin ist eine der Begründerinnen des „Heimathafen Neukölln“, einer Gruppe von zehn Frauen, die hier im Saalbau ihre neue künstlerische Heimat gefunden hat.

Zwei Tische weiter arbeitet die Geschäftsführerin unter der großen Kastanie am Laptop. Drinnen im Café findet dann die Lagebesprechung statt. Hektisch ist hier keiner, aufgeregt schon. „Ich hab hundert Listen im Kopf, die ich abarbeiten muss“, sagt Julia von Schacky und wirkt dabei erstaunlich gelassen. Immerhin bleiben nur wenige Tage bis zur Premiere. „Berlin hat wieder Volkstheater“ lautet der Slogan der Theatermacherinnen. Das Programm: in Vergessenheit geratene Altberliner Possen und Gassenhauerrevuen, die sie im Archiv des Museums Neukölln ausgegraben haben.

„Unter ,Volkstheater’ verstehen wir aber auch, dass für jeden etwas dabei sein soll“, sagt Julia von Schacky. Deshalb soll der Heimathafen ebenso Bühne sein für Poetry-Slam, Ballhausdisko und Musik- Kabarett. Immer muss es um Neukölln gehen, sollen Gegenwart und Vergangenheit des Kiezes im Mittelpunkt stehen.

Auf diese Weise will das Heimathafen-Team die Tradition des Volkstheaters beleben – und hat dafür einen denkbar traditionsreichen Ort gefunden. 1876 erbaut, war der Saalbau Neukölln einst Dorfgasthaus und Tanzsaal, während des Krieges Ufa-Kino, zu Mauerzeiten Passierscheinstelle. Ende der Achtziger sollte der historische Bau abgerissen werden, konnte aber vom Kulturamt gerettet werden. Am Sonnabend wird er nun als „Heimathafen“ eingeweiht, subventioniert von zwei privaten Mäzenen.

Viel Zeit für die Vorbereitung hatten die Frauen nicht. Erst zum 1. April haben sie den Saal übernommen. „Es wird bis zur letzten Minuten gezimmert“, sagt Regisseurin Nicole Oder. Der Saal ist neu bestuhlt, das Foyer frisch gestrichen, die Toiletten mit knallroter Farbe bemalt. Am Ostersonntag trommelten die Betreiberinnen alle Freunde zusammen, um die lila gepolsterten Holzbänke türkis zu lackieren. Nur der goldene Anstrich des Saals wurde nicht angetastet. Der steht unter Denkmalschutz.

Die Besucher werden an kleinen Tischen platziert und können sich während der Vorstellung an der Bar ein Bier holen. Wie zu Volkstheaterzeiten, als Neukölln noch Rixdorf hieß. „Damals fuhren die Berliner samt Kaffeegedeck vor die Tore der Stadt, wo es Achterbahn und Schießbuden gab – und eben Volkstheater“, sagt Julia von Schacky. Der Saalbau ist einer der wenigen erhaltenen Orte dieser Zeit.

„Achtung Probe“ prangt in roten Lettern an der Tür zum Theatersaal. Auf der Bühne ein Schreibtisch, um dessen eines Bein sich Kabelknäuel ranken. „Ich schmeichle mir“, posaunt der Mann im Scheinwerferlicht und breitet die Arme aus. Seine Bühnenpartnerin mit lila Turban, Seidencape und tellergroßer Sonnenbrille stürzt sich in Diva-Manier in seine Arme. „Lass dich von ihr küssen“, ruft Regisseurin Stefanie Aehnelt.

„Filmzauber“ heißt das Eröffnungsstück – eine „Berliner Posse mit Schuss“ rund um einen Tausendsassa der Stummfilmzeit. An diese Glanzzeit Berlins, als Anfang des 20. Jahrhunderts Menschen aus aller Welt in die Stadt strömten, will der Heimathafen anknüpfen. „Damals wie heute war Berlin die Hauptstadt der Kreativen, der Medienleute und Künstler“, sagt Aehnelt. Obwohl die Figuren aus „Filmzauber“ fast 100 Jahre alt sind, erkennt die 34-Jährige viele von ihnen wieder. Uraufgeführt wurde die Lokalposse 1912 am Berliner Theater, just in dem Jahr, als Rixdorf in Neukölln umbenannt wurde. Das sollte einen Neubeginn signalisieren, denn das Arbeiterviertel galt damals als Synonym für anstößiges Amüsement und Hochburg der Kriminellen. Ein Problembezirk ist der Stadtteil bis heute geblieben.

Dass ihr Kiez nur als sozialer Brennpunkt wahrgenommen wird, hat die Heimathafen-Frauen genervt. Die meisten von ihnen wohnen in Neukölln – und zwar gerne, wie sie betonen. „Die Debatte um die Rütli-Schule war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte“, sagt Stefanie Aehnelt. Danach sei ihr klar geworden, dass sie etwas tun wollte, um andere Facetten des Kiezes zu zeigen.

Verschweigen wollen sie die Probleme allerdings nicht. Ende Mai soll im Saalbau „Arabboy“ uraufgeführt werden, ein Stück nach dem Roman der früheren Sozialarbeiterin Güner Yasemin Balci. Die im Rollbergviertel aufgewachsene Journalistin beschreibt in ihrer Geschichte „das kurze Leben des Rashid A.“, der sich im Gewalt- und Drogenrausch Neuköllns verliert. Bei ihrem Verlag hat sich Balci dafür eingesetzt, dass das Stück in den Saalbau Neukölln kommt, vor dessen Haustür sich die Geschichte abspielt. Gemeinsam mit dem Neuköllner Komiker Kurt Krömer fungiert Balci als Schirmherrin des Heimathafens.

Eine treue Anhängerin hat das Theater schon: Evy aus Buckow. Schon als die Gruppe noch kein eigenes Haus hatte und leer stehende Gemäuer wie die Alte Post bespielte, sei sie zu jeder Vorstellung gekommen. Inzwischen wurde Evy zur Werbeträgerin der Truppe geadelt. Wo man nur hinguckt, trifft man derzeit auf die alte Dame, die mit verschränkten Armen und nachdrücklichem Blick auf Hunderten von Plakaten in der Stadt zum Theaterbesuch auffordert. Ein Neuköllner Original, wie es auch der Heimathafen werden will.

Saalbau, Karl-Marx-Str. 141, „Filmzauber“-Premiere am 18. April, 20 Uhr. Infos unter: www.heimathafen-neukoelln.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar