Theater : Kinder der Klamotte

Weiter geht’s im Prater: Frank Castorfs Schwank "Amanullah Amanullah" slapstickt sich gemessen an seinen früheren Arbeiten nach dem Vorbild einer Kudamm-Komödie durch den Abend.

Christine Wahl

Ahmed, der diplomatische Womanizer im Schlepptau des afghanischen Königs Amanullah, trägt eine sehr schöne silberne Glitzerunterhose. Und die weiß er in der akrobatischen Kopulationsnummer, die er beim Berlin-Besuch mit einer Mitarbeiterin des Auswärtigen Amtes (Franziska Hayner) auf dem Sofa absolviert, auch wirklich tadellos zur Geltung zu bringen. Als dann plötzlich der jüdische Bankier Kahn (Axel Wandtke) mit extra weit aufgerissenen Augen vor dem pittoresken Stilmöbel steht und der Silberschlüpferträger hastig nach Kaftan und Turban fingert, dürfte auch dem letzten Premierenbesucher klar sein: Im frisch renovierten Prater, wohin die Volksbühne wegen Sanierung des Haupthauses zurzeit ihren Spielbetrieb verlagert hat, ist die absolute Komödiensaison ausgebrochen.

Vor einer Woche hatte René Pollesch die Spielstätte mit der ebenso lustigen wie sinnfreien Diskurs-Boulevardeske „Ein Chor irrt sich gewaltig“ wiedereröffnet. Und jetzt lässt Volksbühnenintendant Frank Castorf im adäquaten Tür- auf-Tür-zu-Bühnenbild von Bert Neumann den Hardcore-Schwank „Amanullah Amanullah“ spielen.

Tatsächlich bereiste der afghanische König Amanullah Khan 1928 Berlin. Der Staatsbesuch muss über das nötige realkabarettistische Potenzial verfügt haben, um die Komödianten Ernst Bach und Franz Arnold zum Dreiakter „Hulla di Bulla“ zu inspirieren: Einen Verwechslungsschwank von höchsten krachledernen Gnaden, der 1929 in der Komischen Oper an der Weidendammer Brücke in Berlin uraufgeführt wurde.

Entgegen ursprünglicher Planungen muss der König bei Bach und Arnold im Palais Prinz Albrecht absteigen, wo eine Filmcrew gerade mit einer pompösen Revolutionsschmiere zugange ist. Nach den ehernen Schwankgesetzen werden Filmstatisten fortan für ranghohen Staatsbesuch gehalten und umgekehrt, treffen Junghochstapler auf echte RevoluzzerKeimzellen und deckt der größte Dödel der Komparserie am Ende aus Versehen ein Mullah-Komplott gegen den König auf. Dubiose Ölgeschäfte, schwer finanzblasenverdächtige Transaktionen, Autobestellungen im großen Ganovenstil und kunstvolle Intransparenz macht die Weimarer-Republik-Klamotte „Hulla di Bulla“ zur tagesaktuellen Bühnensteilvorlage.

Unter dem Titel „Hulla di Bulla“ hatte die Volksbühne den Abend denn auch ursprünglich angekündigt, musste ihn infolge offenkundiger Lizenzschwierigkeiten kurz vor der Premiere jedoch in „Amanullah Amanullah“ umbenennen. Während sich das Haus mit Erklärungen bedeckt hält, wird gemutmaßt, dass der Rechteinhaber, der Berliner Theaterverlag Felix Bloch Erben, der Volksbühne per einstweiliger Verfügung die Lizenz verweigert – möglicherweise aus Angst vor den berühmten dekonstruktionsverdächtigen Regie-Operationen am Textkörper. Wenn dem so ist, dürfte es sich um den besten Witz des Abends handeln. Denn so werktreu wie hier sah man Frank Castorf noch selten inszenieren. Eine Schwankhandlung an der Volksbühne schnurrte kaum je derart geradlinig und maximal verständlich ab.

Anders als in seinem Neunziger-JahreHit „Pension Schöller/Die Schlacht“ oder in „Kean“ vor wenigen Monaten, wo die Konfrontation härtesten Boulevards mit Hochkulturgut illustre Diskursfetzen fliegen ließ oder zumindest Reibungsmomente erzeugte, verläppern die Samplings diesmal recht unspektakulär. Weder Artauds 1933 an der Sorbonne gehaltener Vortrag „Das Theater und die Pest“, den Volksbühnen-Neuzugang Anne Ratte-Polle passagenweise mit Schaum vorm Mund herausschreit, noch die Einsprengsel aus Heinrich Zilles „Hurengesprächen“ schaffen einen zwingenden Mehrwert. Gemessen an seinen früheren Arbeiten slapstickt sich Castorfs „Amanullah Amanullah“ eher nach dem Vorbild einer Kudamm-Komödie durch den Abend.

Dabei gibt Marc Hosemann als schlitzohriges Hochstapler-Bürschchen zwar eine hübsche Heinz-Rühmann-Performance und brilliert als Tänzer mit sonderbaren Avantgarde-Choreografien, benötigt aber auch nach dem Rollenwechsel zum unfreiwilligen Enthüllungskomparsen nicht mehr als zwei, drei Gesichtsausdrücke für den dreistündigen Abend. Anne Ratte-Polle stürzt sich als kleine Aufsteigerin mit Persisch als Zweitsprache in ihre erste Castorf-Arbeit, schafft beim Augenrollen und „Oh-Gott“- Ausrufen aber bestenfalls sekundenweise eine Ahnung jener Mehrbödigkeit, die man von ihr kennt. Jorres Risse beweist als afghanischer Finanzminister mit extradümmlichem Blick, Superbody und gelbem Frotteehöschen unterm Kaftan, dass es auch bei Regierungskarrieren nicht zwingend auf innere Werte ankommt. Spaß macht, neben Sir Henry am Klavier, wie immer Volker Spengler – hier wechselweise als verpennt-verpeilter Palais-Chef und als Komparse mit Niedrigst-IQ.

Doch letztlich ist es egal, ob Zwanziger-Jahre-Lieder geschmettert oder Verschwörungen unter Perserteppichen ausgebrütet werden, ob sich das Ensemble geschlossen auf dem viel zu kleinen Kopulationssofa drängt, Georg Friedrich als afghanischer König im gemütlichst-gekonnten Österreichisch über Hakenkreuze schwadroniert oder abschließend ein „Hilfsregisseur“ in Naziuniform die Bühne betritt: Man wird das Gefühl nicht los, dass hier eine Handvoll Schauspieler krampfhaft einst erfolgreiche Theatermittel reanimiert, die – als pure Oberfläche kopiert – nur noch schal wirken.

Wieder am 12., 18. und 19. 4. im Prater

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