Theater: "Müll Stadt Tod" : Sein geheimes Herz

Skandal? Das Mülheimer Theater an der Ruhr spielt Fassbinders brisantes Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“.

Andreas Wilink
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Deutsche Tragikomödie. Das so gefürchtete Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod" blieb harmlos. -Foto: dpa

Rainer Werner Fassbinders Werk, seine Filme und Stücke, sind zu lesen als einziges großes Referenzsystem, in dem Motive, Figuren und Konstellationen Dialog und Austausch pflegen. Insofern wäre es ganz falsch, den Filmemacher gegen den Dramatiker auszuspielen, ersteren als Weltstar des Kinos zu feiern, letzteren als mittelmäßigen Autor abzulegen. Wenn man den einen will, lässt sich der andere nicht verleugnen. Fassbinders große deutsche Comédie und Tragédie humaine ist unteilbar – die Grundthemen blieben von den späten sechziger Jahren bis zu seinem Tod 1982 identisch. Sie lauten: Sehnsucht nach Authentizität, Ausbeutung des Gefühls, Sexualität und Terror der Liebe als Abbild und Ausdruck gesellschaftlichen Zustands und Verhaltens.

Fassbinder als Chronist der Bundesrepublik und deutscher Vor-Geschichte, sich spiegelnd in Lebensläufen von Effi Briest über Franz Biberkopf bis Lili Marleen, benutzt die Figur des Außenseiters, um durch ihn die Sicht auf die Verhältnisse zu schärfen. Existentielle Außenseiter sind für ihn die Frau, der Homosexuelle, der Künstler – und der Jude. Als Unterdrückte zeigen sich in ihnen die Mechanismen der Unterdrückung wie unter dem Brennglas. Aber sie sind nicht nur reine Opfer, sondern werden auch zu Tätern, indem sie das, was ihnen angetan wird, auf andere anwenden und die Normen der Unterdrücker weitergeben. Es ist das klassische psychologische Musterverfahren.

Jede Aufführung hier bei uns riskiert den neuerlichen Skandal

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Foto: dpa

Nur unter diesen Voraussetzungen lässt sich der „reiche Jude“ und Baulöwe überhaupt richtig deuten: die von Missverstehen belastete Figur aus „Der Müll, die Stadt und der Tod“, dessen verspätete Uraufführung im November 1985 in Frankfurt am Main am Protest der Jüdischen Gemeinde scheiterte. Ebenfalls ein zweiter Versuch, Jahre später, in Berlin. Im Ausland war man mit dem Mitte der 70er Jahre entstandenen Stück großzügiger. Jede Aufführung hier bei uns riskiert den neuerlichen Skandal. Man weiß, was man tut, wenn man diesen Fassbinder plant. Auch und gerade Roberto Ciulli und das Mülheimer Theater an der Ruhr, die „Müll Stadt Tod“ in eine Trilogie betten und umklammern mit zwei weiteren Dramen des Autors, die sich kommentierend einschalten.

Am unspektakulär normal verlaufenden Premierenabend, bei dem zwei Kamerateams vor der Theatertür ins Leere liefen, hatte sich die Unruhe schon wieder gelegt, die zuvor während Probenbesichtigungen und Talkrunden geschürt und pädagogisch geglättet worden war. Wenn die Mülheimer Aufführung, oszillierend zwischen Lehrstück und Mummenschanz, etwas leistet, dann den Beweis, dass Fassbinder kein antisemitisches Stück geschrieben hat. Die heiklen Ambivalenzen und dialektischen Bezüge indes vergröbert das plakative Stilmittel bevorzugende Theater an der Ruhr bis zum Abgeschmackten. Eingepfercht in seine symbolischen Ordnungen, exekutiert Ciulli in zähen drei Stunden die drei Fassbinder-Stücke und kostümiert sie in Masken und Manierismen bis zur Unkenntlichkeit. Gewiss, auch Fassbinder hat keine Charaktere entworfen, sondern Typen skizziert. Umso mehr jedoch bedürften die einer konkreten Verortung und Verfestigung.

Verlegenheitslösungen trivialisieren und neutralisieren

Den Prolog setzt nicht ungeschickt „Nur eine Scheibe Brot“, darin ein Regisseur einen Auschwitz-Spielfilm dreht. Sarkastisch betrachtet Fassbinder Rituale der Schuldaufarbeitung und vergrübelten Reflexionen. Im Theater an der Ruhr öffnen sich dafür die Verliese des Vatikans, die zugleich die Tore zu den Verbrennungsöfen darstellen. Auf dem Blutaltar der Kirche wird Brot gebacken. Eine tirilierende Marie-Antoinette-Soubrette will das Volk ihres Ancien Regime mit Kuchen statt Brot füttern. Schuberts Winterreise erklingt, weil die deutsche Romantik ja auch irgendwie fatale Folgen hatte, während am Bühnenrand ein Filmemacher vor der heiligen Nutte Kino warnt.

Die Hauptfigur ist buchstäblich eingesargt für Ciullis Nacht des lebenden Toten: In der androgynen, artifiziell entrückten Kunstgestalt von Simone Thoma wird aus dem Regisseur Hans Fricke im zweiten Teil der „reiche Jude“ und im Epilog „Blut am Hals der Katze“ die Außerirdische Phöbe Zeitgeist, die unter die Menschen fällt. Dieses bekannte Personal aus Fassbinders Kleinbürgerdramen ist bei Ciulli zu Silhouetten im Schattenreich einer kalten Realität zurechtgestutzt. Das hölzerne Bengele Thoma spielt jeweils in kurzen HJ-Hosen einen Lehrbub der Geschichte und Chorknaben. Immerhin, das Geheimherz des „reichen Juden“ tickt richtig – kein Ungeheuer tritt in Erscheinung, sondern ein grotesk Leidender und Liebender.

Mit antirealistischen Verfremdungseffekten, Assoziationshülsen und leeren Pathosformeln weicht die Inszenierung der Brisanz von „Müll Stadt Tod“ jedoch aus, seiner Sexualpathologie, den Klischees, Typisierungen und Projektionen von Vorurteilen. Roberto Ciullis Verlegenheitslösungen trivialisieren und neutralisieren, wo sie Farbe bekennen und künstlerische Notwendigkeit sichtbar machen müssten. Es ist die Travestie eines engagierten Theaters.

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